Handeln wider besseres Wissen
Der Mensch weiß theoretisch sehr viel, tut aber oft genau das Gegenteil.
Der Mensch weiß, dass gewaltsames Lösen eines Problems immer die schlechteste Lösung ist. Verhandeln und einvernehmliche Kompromisse suchen, wäre immer besser. Trotzdem handelt er oft genau gegen sein besseres Wissen. Er übt Gewalt aus, um sich durchzusetzen.
Alle wissen im Grunde genau, dass Friede gut ist und Kriege schlecht sind.
Wir als Menschheitsfamilie müssten daher uns bemühen, Spannungen und Konflikten frühzeitig zu erkennen und gewaltsame Lösungen von vorneherein zu vermeiden. Allerdings: wer sowas sagt, wird oft milde belächelt und als naiv hingestellt.
Da stellt sich die Frage:
Wer ist an gewaltsamen Lösungen interessiert bzw. wer propagiert Kriege?
Mein Vater kam nach dem damals dreijährigen Militärdienst im August 1914 als Kaiserjäger nach Galizien, um dort gegen die Russen zu kämpfen. „Für Gott, Kaiser und Vaterland!“, so zog er wie viele mit einer bestimmten Begeisterung an die Front. Am 1. November 1914 wurde er sehr schwer verwundet und lebte hernach 50 Jahre lang als Invalide. 1915 starben zwei seiner Brüder, einer in russischer Gefangenschaft und einer an der Südfront. Danach war natürlich jede Kriegsbegeisterung bei meinem Vater vorbei. Er hatte von da an eine pazifistische Einstellung und verurteilte als politisch denkender Mensch sowohl den Faschismus als auch den Nationalsozialismus und selbstverständlich auch den Stalinismus. Als „Dableiber“ stand er oft zwischen den Fronten.
Ist Krieg so wie das Schicksal unausweichlich?
Mir scheint, dass immer mehr Menschen fatalistisch einen Krieg als unausweichlich ansehen. Ist Krieg ein Schicksal? Oder gibt es Ursachen? Ist es nicht nur ein billiges Narrativ, dass der böse Feind anfängt und wir, die Guten, uns selbstverständlich verteidigen müssen? Wir sind sozusagen „leider“ gezwungen, aufzurüsten und mit Waffengewalt zu antworten.
Gott sei Dank, zieht in unseren Breitengraden niemand mehr „für Gott“ in den Krieg. Diese Zeiten sind wirklich vorbei.
Und „für den Kaiser“? Der Kaiser ist tot.
Auch für Putin, Trump und Xi Jinping zieht wohl kaum einer freiwillig, geschweige denn mit Begeisterung in den Krieg.
Wenn man das bedenkt, muss man ernüchtert, ja erschüttert feststellen, dass Unfreiwillige und Unschuldige auf der einen Seite der Front gegen Unfreiwillige und Unschuldige auf der anderen Seite der Front kämpfen und sich gegenseitig umzubringen versuchen, um zu siegen.
Ich behaupte: Soldaten sind an Kriegen nicht interessiert. Höchstens arme Teufel, die nichts zu verlieren haben und beim Kriegsdienst guten Sold verdienen. Man darf doch nicht behaupten, der Mensch sei grundsätzlich sadistisch und würde beim Töten anderer Menschen Lust empfinden.
Deshalb nochmals die Frage: Wer will dann wirklich den Krieg?
In der derzeit angeheizten Situation sollte öfters danach gefragt werden, welche Interessen hinter den großen und gewaltsamen Konflikten stecken. Sicher sind es nur sehr kleine Minderheiten, Eliten, die durch Aufrüsten und Kriege ihre eigenen Interessen verfolgen, selber aber nicht gezwungen werden, im „Schlachtfeld“ an vorderster Front zu kämpfen.
Wie ist es möglich, dass Schritt für Schritt in den Medien und in der Politik sich die Meinungen bildet, anscheinend eine „Mehrheitsmeinung“, die friedliche Lösungen als unmöglich hinstellen? Wie ist es möglich, dass sogar die Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland vor ein paar Wochen zum Schluss gekommen ist, dass unter Umständen auch militärische Gewalt als letztes Mittel angewendet werden müsse, um den Frieden zu sichern?
Kommentar von Sepp Kusstatscher


