„Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikten. Frieden ist einzig die Abwesenheit von Gewalt im Konfliktfall.“
Claude AnShin Thomas, Veteran des Vietnamkriegs und Soto-Zen-Priester
Der Krieg war beendet, es herrschte Frieden, als ungezählte Menschen beim Entfernen von nicht explodierten Kampfutensilien, als Kinder beim Spielen den Tod fanden. „Meine Mutter“, so erzählt der in Bozen wohnhafte und im Ruhrgebiet aufgewachsene Finanzfachmann Niels Seemann, „hat sich nie Sorgen gemacht, dass wir Kinder beim Spielen auf der Straße von einem Auto angefahren würden, sie sorgte sich, dass uns ein Blindgänger in die Luft jagte, unsere Spielplätze waren Trümmergrundstücke. Das begleitet dich ein Leben lang.“
In Lüsen starben zwei Brüder, Gottfried und Alois Federspieler, der eine neun, der andere zehn Jahre alt, noch vor Kriegsende. „Nicht ein Spielzeug sind die Granaten, für Kinder nicht und nicht für Große“ – steht auf dem einen Sterbebildchen.
„Schon als Kinder kannten wir keine Welt ohne Krieg, die Welt des Krieges war die einzige Welt, und die Menschen des Krieges die einzigen Menschen, denen wir begegneten. Ich kenne auch heute keine andere Welt und keine anderen Menschen. Hat es sie je gegeben?“ Seit vielen Jahren begleiten mich diese Sätze, ich weiß nicht, wer sie schrieb, wo ich sie erstmals las oder hörte. Vor kurzem stellte ich sie an den Beginn eines Buches über Flucht und Neubeginn in den Nachkriegsjahren. Weil sie stimmen. Weil ich hoffe, dass sie endlich aufhören stimmig zu sein.
Ich habe mich früh mit dem Krieg beschäftigt, weil meine Mutter zusammenzuckt, wenn um zwölf Uhr mittags die Sirenen heulen, weil der Sammelsuriumkeller in Wien, wo meine Großmutter lebte und ich in meiner Studienzeit bei ihr, der einstige Luftschutzkeller gewesen war, es bedeutete Überwindung, hinunterzugehen, Holz zu holen, die Mähmaschine, den Rechen, die Obstkörbe im Sommer für den Garten.
Weil der älteste Bruder meines Vaters so mitgenommen aus dem Krieg zurückkehrte, dass er zu Hause starb. Weil der Stiefbruder meiner Mutter in hohem Alter nur mehr davon sprach, worüber er Jahrzehnte geschwiegen hatte. Neunmal hatte er überlebt, wo Kameraden gestorben waren. Da klang Dankbarkeit mit und Scham und Schuld.
Auch Töchter sind im Krieg gefallen, Schwestern und Mütter.
Die Generation jener, die noch im Krieg waren und von ihm zurückgekehrt sind, gibt es heute nicht mehr. Krieg assoziiert – bei uns – immer noch den Ersten Weltkrieg, den Zweiten. Weil es unser Krieg war. Und der ist – zum Glück – vorbei.
Er ist nicht vorbei. Er zündet und lodert woanders. Irgendwo ist immer Krieg auf unserer gemeinsamen Welt. Jeder Krieg ist auch unser Krieg.
Die Jugoslawien-Kriege waren nahe. Die Ukraine ist nahe. Äthiopien, Syrien, Israel, Kongo, Sudan, Gaza sind in wenigen Flugstunden erreichbar. Genozid, Vertreibung, Gewalt, Massenmord, Flucht sind nicht weit.
Der Krieg ist auch in uns. Hunger, Gewalt und Flucht traumatisieren über Generationen, prägen das Individuum und das genetische Erbe ganzer Völker. Kinder und Enkel, wir, die selbst nie einen Krieg erlebt haben, tragen die Last der Erfahrungen. Depressionen, Panikattacken, Alzheimer und Stress sind epigenetische Markierungen, transgenerationale Weitergaben von Traumen. Schon deshalb betrifft er auch uns. Nicht nur deshalb sollte er uns betreffen.
Ich durfte mich dieses Jahr im Zuge eines Buchprojektes intensiv mit der Option und Rückoption auseinandersetzen. Was mich beeindruckte und betroffen machte, waren und sind die Parallelen zu heute.
Ich durfte den Erzählungen jener lauschen, die die Option als Kinder miterlebt hatten, die mit den Eltern hinaus sind ins „Reich“, die in Österreich oder Deutschland geboren worden waren und mit den Eltern nach Südtirol zurückkehrten, in einen Landstrich, der den Eltern bis zu deren Auswanderung und in all ihren Enttäuschungen und Träumen Heimat geblieben war.
Ich durfte aber auch immer wieder Parallelen ziehen zum Heute, und es ist das, was mich dankbar macht, weil zum Nachdenken zwingt und mahnt, dass der Frieden nicht nur dort gemacht wird, wo Krieg herrscht, der Frieden muss auch hier gepflegt werden, wo Frieden herrscht. Der Frieden ist keine Lösung nach einem Konflikt, der Frieden ist eine Kultur, die wir schon zu Hause, versammelt am Küchentisch hegen und schützen sollten. Und immer wieder neu umgarnen. Der Frieden beginnt bei der achtsamen Selbstfürsorge und bei mir. (Ist nicht zu verwechseln mit Egoismus.) Jeder Konflikt ist eine Herausforderung, jede Krise ist eine Möglichkeit in ein gutes Gespräch zu kommen.
Abgesehen davon, dass natürlich der Ausgang des 1. Weltkrieges, die Abtrennung von Österreich, der Faschismus viele Menschen verunsichert und zutiefst verletzt hatte, begeisterte die „Heim-Ins-Reich-Propaganda“: Hitlers Versprechungen, die Aufbruchsstimmung in Deutschland, das nun ab 1938 auch an Südtirol grenzte, die Illusion einer gutbezahlten und anerkannten Arbeit, einer Schulbildung in deutscher Sprache, eines eigenen großen Gehöftes blendeten die Menschen. Es sah nach gestaltbarer Zukunft aus. Dasselbe geschieht doch jetzt in anderen Erdteilen. Junge Menschen sind weltweit unterwegs auf der Suche nach einer neuen Heimat, weil sie anderswo bessere Perspektiven sehen, weil sie auf Bildung hoffen, auf Einkommen, Wissen, Gerechtigkeit, Würde, auf einen Alltag ohne Korruption, mit der Aussicht, die Familie nachkommen zu lassen und ernähren zu können. Natürlich gibt es auch legale Einwanderung, es gibt nicht nur ein Lampedusa. Es gibt Klimakatastrophen und politische Flüchtlinge, es gibt eine „falsche Religionszugehörigkeit und falsche Überzeugungen“, die eine Flucht überlebensnotwendig machen, aber es gibt auch Klischees und falsche Stimmungsmache und Agitation.
Es gibt auch Parallelen im Ankommen. Nach dem zweiten Weltkrieg waren in Europa Millionen Menschen vertrieben worden und unterwegs. Auch damals war das Zusammenleben von Einheimischen und Migranten nicht einfach, auch damals gab es keine Willkommenskultur. Nicht in Westdeutschland und auch hier nicht, als die Rückoptanten nach Kriegsende „illegal“ oder um 1950 nach der Wiedererlangung der italienischen Staatsbürgerschaft „legal“ nach Südtirol zurückkehrten. In dem Zusammenhang beeindruckt mich immer wieder, dass die Menschen aus Südtirol, die für Großdeutschland optiert hatten und gegangen waren, schon in Tirol teils gar nicht so freundlich aufgenommen wurden, wie es vorgegaukelt worden war. Dabei waren erst 20 Jahre seit der Teilung und dem Ende des 1. Weltkrieges vergangen. Als die ehemaligen Optanten nun zurückkehrten, wurden sie wiederum nicht freudig aufgenommen. „Wir waren die Bettler, die Dahergelaufenen. Der Abschaum, das Gsindel“, erzählt Maria Aster Caumo. „So arm, wie sie gegangen waren, so arm sind sie zurückgekehrt“, resümiert der ehemalige Koordinator Rudi Gamper, selbst in Österreich als Kind von Optanten geboren. „Aha, dann sind Sie kein richtiger Südtiroler“, hatte einmal ein Landespolitiker zu ihm gesagt.
Ein Satz, der mich selbst bei all den vielen Erzählungen besonders beeindruckt hat, war jener von Maria Margret Menck, einer inzwischen 92jährigen pensionierten Lahrerin, die seit zwanzig Jahren in Bozen wohnt. 1945 war sie aus Mecklenburg-Vorpommern in die Geburtsstadt Hamburg geflüchtet, sah zuvor Tausende jüdische Häftlinge sich auf dem Todesmarsch durch das Gut des Vaters nach Nordwesten schleppen, sah Abertausende Vertriebene vom Osten nach Westen ziehen, bis sie selbst mit ihrer Familie zur Flucht gezwungen wurde, ein halbes Jahr war sie barfuß unterwegs. Als sie am 22. Dezember endlich bei der Tante ankam, und jene sie mit den Geschwistern in eine Badewanne mit warmem Wasser steckte, war dies das schönste Weihnachtsgeschenk, das sie im Leben je hatte: „Dass man sich nicht waschen kann – das ist so grässlich. Das kann kein Mensch nachempfinden, der das nicht miterlebt hat.“ Ihre Geschwister leben in der Welt verstreut, das Gefühl zu Hause zu sein, hatten sie nie wieder: „Unser Zusammenhalt ist bis heute unsere wahre Heimat.“
Gerda Gius, Tochter einer Optantin, Freiwillige der VinziShower erzählt dasselbe, die verzweifelten Augen von Obdachlosen, bevor sie duschen, ihre Freude und Strahlen danach. Den Menschen Würde geben, kann so einfach sein.
Zurückkehren in die Heimat, nach der sie sich sehnen, wohin viele sie schnellstmöglich schicken möchten, ist nicht einfach: Wie die Südtirol-Optanten 1939 brachen sie voller Hoffnung und Sehnsucht auf, wenn sie – nicht wohlhabend, nicht von einem gelungenen Neuanfang beglückt – zurückkehren, werden sie Versager sein, Dahergelaufene, Looser, Gsindl.
Wir dürfen nicht aufhören die Erfahrungen von damals für heute zu nutzen, Erinnerungen wach zu halten und konstruktiv zu pflegen, weil wir alle Kinder des Krieges sind.
Wir dürfen gemeinsam an einer Konfliktkultur arbeiten, nicht mit einer einseitigen Lösung von oben herab die Schwächeren überfahren.
Der Wanderpriester Claude AnShin Thomas beschreibt in seinem Buch „Krieg beenden – Frieden leben“ wie er selbst es gelernt hat, als Soldat im Vietnam Krieg Hass und Gewalt zu überwinden. „Ich trage Verantwortung dafür den Kreislauf des Leidens in mir selbst nicht länger fortzuführen. Wir tragen Verantwortung dafür zu heilen, damit der Tod all derjenigen, die je in irgendeinem Krieg gestorben sind, nicht vergeblich war. Denn durch ihren Tod erlangen wir die Verantwortung zu lernen und klar zu erkennen, dass Krieg und Gewalt in jedweder Form niemals eine Lösung sind, dass Krieg und Gewalt in jedweder Form nicht zu Frieden führen. Der Tod der anderen trägt in dieser Hinsicht zur Heilung bei. Wenn der Krieg hier in uns ein Ende findet, findet Krieg ein Ende. Wenn ein jeder den Krieg in sich beendet, gibt es keine Saat mehr, aus der Kriege wachsen könnten.“
Wir dürfen uns mit eigenen und abgespalteten Traumas verbinden, sie wahrnehmen und beachten, um offener und sensibler für uns selbst und andere zu werden. Wir dürfen uns selbst fragen, Tag für Tag, was wir tun können, damit Friede wird und bleibt.
Astrid Kofler


