Ohne Frauen kein Frieden

Anlässlich des 25. Jahrestages der UNO-Resolution Nr. 1325 „Frauen, Frieden, Sicherheit“ fand am 25.10. 2025 am Center for Advanced Studies der Eurac die Veranstaltung „Ohne Frauen kein Frieden“ statt.

Die Politologin Elisa Piras, Senior Researcher gab in diesem Rahmen das folgende Interview, welches zuerst im Online Magazine von Eurac Research erschien.

Ein Interview zum 25. Jahrestag einer – theoretisch – bahnbrechenden UNO-Resolution

Frauen sind in besonderer Weise von Kriegen betroffen, spielen aber auch eine besondere Rolle bei der Prävention und Lösung von Konflikten. All dies wurde vor 25 Jahren in einer als Meilenstein gefeierten Resolution zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ des UNO-Sicherheitsrats anerkannt. Resolution 1325 strebte große Dinge an: nicht nur Frauen wirksamer zu schützen, sondern sie auch gleichranging in alle die Sicherheit betreffenden Prozesse und Entscheidungen einzubeziehen. Was daraus geworden ist, erklärt die Politikwissenschaftlerin Elisa Piras.

Resolution 1325 zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“ (Women, Peace and Security – WPS) gilt als „Meilenstein ” – worin liegt die besondere Bedeutung?

Elisa Piras: Einmal in der Art, wie sie zustande kam: In einem jahrzehntelangen Kampf, der Aktivistinnen und Organisationen weltweit vereinte, aus reichen wie aus armen Ländern, ist es tatsächlich gelungen, „von unten“ die internationale Agenda zu ändern. Resolution 1325, mit der die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ (WPS) ins Leben gerufen wurde, war auch eine der wenigen Resolutionen des Sicherheitsrats, die einstimmig verabschiedet wurden. Und die Ziele der Agenda sind sehr ambitioniert, sie strebt eine wirkliche Transformation an. Neben dem Schutz der Frauen als potenzielle Opfer mit geschlechtsspezifischen Bedürfnissen geht es um ihre Einbeziehung in die Konfliktprävention, in Friedensprozesse, den Wiederaufbau; und darum, die Zahl der Frauen im gesamten Sicherheitssektor – in den Streitkräften, bei der Polizei, als Sicherheitsexpertinnen, in Ministerien, in lokalen und transnationalen Organisationen der Zivilgesellschaft – und auf allen Entscheidungsebenen deutlich zu erhöhen.

Nach einem Vierteljahrhundert: Wie ist beim Frauenanteil die Bilanz?

Piras: In den UN-Friedensmissionen, den Blauhelm-Missionen, liegt der Frauenanteil insgesamt immer noch bei nur zehn Prozent; in den Militärkontingenten sind es acht Prozent – sehr wenig natürlich, aber 2018 waren es nur 4,2 Prozent, der Anteil hat sich also in kurzer Zeit verdoppelt.
Der Frauenanteil in nationalen Armeen lag einer UN-Untersuchung zufolge 2022 im Schnitt bei 14 Prozent – auch hier gab es eine Zunahme, 2016 waren es 11 Prozent. Diese Daten sind aber leider nicht aufgeschlüsselt, umfassen Soldatinnen ebenso wie Ministeriumsangestellte.

Wie sieht es mit der Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen aus?

Piras: Im Jahr 2024 waren laut UN-Women nur sieben Prozent der Verhandelnden in Friedensprozessen Frauen. Allerdings spielen Frauen und Frauenorganisationen oft eine entscheidende Rolle bei informellen Prozessen im Vorfeld; dass sie bei den offiziellen Verhandlungen mit am Tisch sitzen, ist vor allem in Ländern mit starken patriarchalischen Strukturen oft noch ausgeschlossen.
Friedens- oder Waffenstillstandsabkommen wurden 2024 mit einem Frauenanteil von 20 Prozent unterzeichnet. Dieser Anteil geht aber hauptsächlich auf das Konto Kolumbiens, wo viele ehemalige Guerilla-Kämpferinnen an Waffenstillstandsabkommen beteiligt sind; ohne Kolumbien sinkt der Anteil der Unterzeichnerinnen auf sieben Prozent.
Obwohl Studien zeigen, dass Verhandlungen, an denen Frauen beteiligt sind, zu einem stabileren Frieden führen, ist die aktuelle Situation entmutigend.

Was zeigen diese Studien genau?

Piras: Eine statistische Studie, also mit einer großen Anzahl von Fällen aus unterschiedlichen Kontexten und geografischen Gebieten, zeigte 2018 eine starke Korrelation zwischen Friedensabkommen, die von weiblichen Delegierten unterzeichnet wurden, und dauerhaftem Frieden. Außerdem stellt die Studie fest, dass Abkommen, die von Frauen unterzeichnet wurden, eine deutlich höhere Anzahl von Bestimmungen zur politischen Reform enthalten und dass die Umsetzungsquote dieser Bestimmungen höher ist.
Auch wurde gezeigt, dass Friedensabkommen, an denen Frauen beteiligt waren, stärker Aspekte berücksichtigen, die über die militärische Befriedung hinausgehen, etwa Fragen der Bildungs- oder Versöhnungspolitik – im Hinblick auf die Zukunft ganz entscheidende Fragen.

Welche Erklärung hat die Wissenschaft dafür?

Piras: Frauen, die in diese Friedensprozesse einbezogen werden, haben oft sehr enge Verbindungen zu Frauenverbänden, zur Zivilgesellschaft, oder auch zu Organisationen wie dem Roten Kreuz oder dem Roten Halbmond, die sich intensiv mit sozialen Fragen befassen und die Menschen unterstützen, besonders in Konfliktsituationen. Diese vertrauensvolle Verbindung zu Gruppen der Zivilgesellschaft, so die Hypothese, ist Basis für eine Zusammenarbeit auch über einen längeren Zeitraum hinweg.



Nach einem aktuellen Report der UN leiden weltweit mehr Frauen und Mädchen unter Kriegen und Konflikten denn je – über 670 Millionen. Die deprimierenden Zahlen zur Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen haben Sie selbst gerade genannt. Das alles lässt die Resolution nicht als Erfolg erscheinen…  

Piras: Die Resolution war mit Sicherheit wegweisend, doch sie führt uns auch die Grenzen des Systems Vereinte Nationen vor Augen, wo großen Grundsatzerklärungen und theoretisch ehrgeizigen Reformprogrammen oft keine ebenso mutige und weitreichende Umsetzung entspricht. Die Umsetzung der Resolution erfolgt durch „Nationale Aktionspläne“ der einzelnen Staaten. Bislang haben 108 Staaten so einen Plan – manche schon den vierten oder fünften, manche den ersten; ein Drittel mindestens ist aber ausgelaufen und wurde nicht erneuert. Und etwa 70 Prozent haben kein Budget zugewiesen – also man hat den Plan, aber kein Geld, ihn umzusetzen, bzw. es hängt alles am guten Willen einzelner Leute in der Regierung. Ein deutliches Signal, dass das Thema keine Priorität hat.



Welche wichtigen Staaten haben keinen nationalen Aktionsplan? Welche sind vorbildlich?

Piras: Geopolitisch wichtige Mächte wie China, Indien, die Türkei haben keinen Plan, auch Russland und Israel nicht, die beide gerade Kriege führen, in denen Frauen massiv betroffen sind.
Positive Beispiele für die Umsetzung der WPS-Agenda sind etwa Kanada, Dänemark, Schweden und Deutschland, auch Ruanda war eine Zeitlang sehr proaktiv. Ihr Ziel, den Sicherheitssektor strukturell zu verändern hat die WPS-Agenda nicht erreicht, aber in einigen Ländern gibt es beachtliche Fortschritte. In der kanadischen Armee wird beispielsweise der Aufstieg von Frauen und LGBT-Personen in höhere Ränge gezielt gefördert, und tatsächlich sehen wir dort mehr Geschlechtervielfalt in strategisch wichtigen Positionen.

Wie sieht es in Italien aus?

Piras: Die ersten Oberstleutnantinnen in der italienischen Armee gab es im Jahr 2022 – wir stehen beim Thema Gender-Mainstreaming in den Streitkräften also noch ziemlich am Anfang. Italien ist aber seit 2010 mittlerweile beim fünften Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der WPS-Agenda, gültig von 2025 bis 2029. Also hier sieht man eine gewisse Kontinuität und Ernsthaftigkeit. Dass für den aktuellen Plan kein Budget veröffentlicht wurde, trübt das Bild allerdings und macht das Ganze auch schwer überprüfbar. Aber es gibt in der Verteidigung Leute – Frauen – die die WPS-Agenda voranzutreiben versuchen, und langsam, sehr langsam, ändert sich etwas. Wie in vielen Ländern muss es in den Streitkräften und auch bei der Polizei jetzt beispielsweise gender advisor geben, die in alle Belange und Entscheidungen eine Geschlechterperspektive einbringen, von der Ausrüstung bis zu den kulturellen Regeln beim Einsatz in Konfliktregionen.

Aktivistinnen sprechen von zunehmender Feindseligkeit gegenüber der WPS-Agenda, schon zum 20. Jahrestag wurde Enttäuschung laut.

Piras: Ich hatte das Glück, Sanam Naraghi-Anderlini zu interviewen, eine der Pionierinnen des internationalen feministischen Pazifismus, die mit ihrer Arbeit schließlich die Verabschiedung der WPS-Agenda erreichten. Ich traf sie kurz nachdem die Amerikaner und die anderen Staaten der International Security Assistance Force sich 2021 aus Afghanistan zurückgezogen hatten, und die afghanischen Frauenbewegungen, die man zuerst praktisch zu Heiligen erklärt hatte und die in positive Prozesse des Wiederaufbaus eingebunden waren, von einem Tag auf den anderen im Stich gelassen und der Rache der Taliban ausgeliefert wurden. Naraghi-Anderlini äußerte sich bitter enttäuscht über die Entfremdung der internationalen Gemeinschaft von den Prinzipien der WPS- Agenda – Prinzipien wie Friedenspolitik, Abrüstung, Wahrung der Menschenrechte, Einschreiten nicht erst im Konfliktfall. Resolution 1325 hatte ja den Anspruch, einen wirklichen kultureller Wandel in den internationalen Beziehungen auszulösen, das Beispiel Afghanistans zeigt jedoch, dass die Revolution noch bevorsteht.
Was dagegen stattgefunden habe, sagen Kritikerinnen, sei eine Militarisierung der Agenda – also es werden mehr Frauen zu Soldatinnen gemacht, aber Dynamiken und Strukturen bleiben unverändert. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die wichtigen internationalen Akteure die Agenda nur für ihre Zwecke nutzen, etwa im Kampf gegen Terrorismus.


Auf Resolution 1325 folgten im Rahmen der WPS-Agenda mehrere Resolutionen, die sich spezifisch mit sexueller Gewalt in Konflikten befassen: ihrer Ächtung, den Hilfen für Opfer. In jüngsten Konflikten – Tigray, Kongo, Sudan – wurde massiv sexuelle Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt. Haben diese Resolutionen nichts gebracht?

Piras: Im Gegenteil. Die Tatsache, dass wir von diesen Fällen wissen, Zahlen haben, dass in laufenden Konflikten der Einsatz sexueller Gewalt überprüft wird, ist ein Erfolg der Agenda. Früher hat man diese Dinge als Kollateralschäden des Kriegs hingenommen und ihr Ausmaß gar nicht zu erfassen versucht. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat kürzlich Daten veröffentlicht, wonach allein im Jahr 2024 mehr als 4600 Fälle von sexueller Gewalt in Konflikten zu verzeichnen waren – das sind nur die, von denen wir mit Sicherheit wissen.
Es gab hier einen großen Fortschritt im Bewusstsein. Auch in Bezug auf sexuelle Übergriffe innerhalb der Streitkräfte, innerhalb der Blauhelmkontingente der Vereinten Nationen, die jetzt rigoros verfolgt werden.
Dass sich in der Folge von Resolution 1325 mehrere Resolutionen spezifisch mit sexueller Gewalt in Konflikten befassten, sehen manche aber auch als eine bedauerliche Verengung der Agenda, in dem Sinne, dass Frauen wieder vor allem als Opfer gesehen würden, nicht als Protagonistinnen. Die beiden letzten Resolutionen des Sicherheitsrats zu diesem Thema wurden übrigens mit Enthaltung Russlands und Chinas verabschiedet – die Einstimmigkeit, die am Anfang herrschte, gibt es nicht mehr.


Wie sehen Sie die Zukunft der WPS-Agenda? Gerade bestimmen mit Trump und Putin ja herausragende Machos die Weltpolitik.

Piras: Der UN-Generalsekretär hat versucht, die Agenda wiederzubeleben, indem er im Oktober 2024 zu einer gemeinsamen Verpflichtung aufrief, Frauen häufiger und in entscheidenden Rollen an Friedensprozessen zu beteiligen. Dabei erwähnte er auch das derzeitig ungünstige geopolitische Klima. Viele Staaten haben sich der Verpflichtung angeschlossen, aber viele haben nicht darauf reagiert.

Sehen Sie auch positive Entwicklungen?

Piras: Die NATO zeigt seit ein paar Jahren ein verstärktes Engagement für die WPS-Agenda, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Zahl der Frauen innerhalb der NATO-Strukturen zugenommen hat und einige von ihnen inzwischen wichtige Funktionen innehaben. An einer Initiative des NATO International Military Staff Gender Advisor, den deep dives, war ich beteiligt. Bei diesen vertiefenden Diskussionen wird die Integration von Gender-Perspektiven in Operationen und Strategien erörtert. Ich wurde gebeten, eine Einordnung des Phänomens der gendered disinformation zu geben, also der gezielten geschlechtsspezifischen Desinformation, die bestimmte Gruppen diskreditieren soll und auch in Konfliktsituationen – aber nicht nur – immer häufiger eingesetzt wird. Sie erinnern sich wahrscheinlich an den Fall in der Ukraine, als ein Geburtskrankenhaus bombardiert wurde und danach verbreitet wurde, die in Fernsehberichten interviewte Mutter sei in Wirklichkeit eine Schauspielerin gewesen. Das war ein Beispiel, doch kann gendered disinformation sich genauso gegen Männer oder LGBT-Personen richten.

Ein Wunsch für die Zukunft?

Piras: Mehr Daten. Zu vielen Aspekten haben wir nur Schätzungen, weil die Staaten keine genauen Daten liefern oder sie nicht aktualisieren. Es besteht also ein großer Bedarf an aktuellen Daten, an Monitoring. Dieser Teil der WPS-Agenda wurde bisher etwas vernachlässigt, genauso wie die Prävention. Sehr wünschenswert wäre, dass wir uns nicht erst mit Konflikten befassen, wenn sie eingetreten sind, sondern mehr Aufmerksamkeit darauf richten, sie zu verhindern.

Elisa Piras

Elisa Piras ist Senior Researcher am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Zuvor war sie als Research Fellow an der Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa und an der Universität Bologna tätig. Sie forscht an der Schnittstelle zwischen politischer Philosophie und internationalen Beziehungen und beschäftigt sich vor allem mit zeitgenössischem Liberalismus, sozialer Gerechtigkeit, Desinformation, Gender und Sicherheit.

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