Claudio Magris: Trotzdem hoffen!
Der 1939 in Triest geborene Schriftsteller, Germanist und Übersetzer Claudio Magris war von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2006 Professor für moderne deutschsprachige Literatur an der Universität Triest. Bereits als 24 jähriger Germanist gelang ihm mit seiner Doktorarbeit ein vielbeachtetes Werk zur österreichischen Literatur, in dem er den „habsburgischen Mythos“ in eine bis heute gültige Theorie fasste. In seinem Werk „Verfahren eingestellt“ von 2015 rekonstruiert Magris die nach 1945 verdrängten Verbrechen und die Geschichte der Stadt Triest von den Habsburgern bis zur deutschen Besatzung. Magris ist Mitglied vieler europäischer Akademien und war von 1994 bis 1996 für die italienischen Linken Senator im italienischen Senat.
Zunehmend warnt er vor der Gegenwart des Krieges und betätigt sich als paneuropäischer Friedensstifter im Sinne Kants. Dies zeigt sehr deutlich seine Dankrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2009.
Dankrede Auszüge
Alles verschwört sich, um uns die Notwendigkeit des Krieges glauben zu machen, in die wir uns resigniert zu fügen haben. Nicht von ungefähr beginnt die abendländische Literatur mit einer großen Kriegsdichtung, der »Ilias«, und heilige Bücher, die die Welt begründen, wie das »Mahabharata« und zum Teil auch das »Alte Testament« sind ebenfalls Kriegsbücher. Doch der Sinn des Lebens besteht darin, den götzendienerischen Verführungen dessen zu widerstehen, was sich als schicksalhaft darstellt, sowie in einem sperare contra spem. »Was darf ich hoffen?« fragt sich Kant angesichts des radikalen Bösen, das sich siegreich zeigt, und er antwortet, dass gerade der Anblick der Verheerung fordere, dass diese nicht die einzige Wirklichkeit sei, und rechtfertigt die Hoffnung aller Verzweiflung zum Trotz. Die Hoffnung ist die größte Tugend, beteuert Charles Péguy, gerade weil es so schwierig, aber genau deswegen auch notwendig ist, zu sehen, wie die Dinge stehen, und trotzdem zu hoffen, dass sie morgen besser werden. (…)
Der Dritte Weltkrieg hat stattgefunden, auch wenn die meisten Europäer das Glück hatten, nicht den Blutzoll zahlen zu müssen. Ungefähr zwanzig Millionen Tote nach 1945 – die, im Unterschied zu denen des Zweiten Weltkriegs, so gut wie unbekannt geblieben und einem brutalen Vergessen anheim gegeben sind. Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben, weil der Rhein keine von Hunderttausenden von Soldaten umkämpfte Grenze mehr ist, oder weil auf dem Karst hinter Triest nicht mehr diese Grenze verläuft, die der unüberwindbare Eiserne Vorhang war und ein Pulverfass zugleich. (…)
Der Krieg liegt in der Luft als Drohung oder als objektive Realität. Wir sitzen – wir freilich noch recht bequem – am Rand eines Vulkans mit dem Gefühl, dass er jeden Augenblick glühende Lavamassen ausspeien könnte und dass die Welt, wie ein jüdisches Sprichwort sagt, zerstört werden könnte zwischen dem Abend und dem Morgen. Die Weltordnung, deren wir uns erfreuen, beruht zu einem großen Teil auf der Unordnung, auf einer »Arglist«, wie Michael Kohlhaas sagen würde. Es ist leicht und auch angebracht, die Unmenschlichkeit derjenigen zu kritisieren, welche die Einwanderer zurückweisen. Aber es könnte der Moment kommen, in dem die Anzahl unserer Mitmenschen auf der Welt, die mit Recht ihren unerträglichen Lebensumständen entfliehen wollen, derart zunimmt, dass sie buchstäblich keinen Platz mehr finden und damit untragbare Konflikte auslösen, in unvorhersehbaren Formen, die ebenfalls ganz anders sind als das, was wir traditionsgemäß Krieg nennen.
Viele Utopien von einem Paradies auf Erden sind verflogen, doch nicht verflogen ist die Forderung, dass die Welt nicht nur verwaltet, sondern vor allem auch verändert werden muss. »Ändere die Welt, sie braucht es!« forderte Bertolt Brecht. Ändere sie auch, wenn alles dich drängt zu glauben, dass dies unmöglich sei.


