Klimaschutz als aktiver Beitrag zum Frieden
Frieden als unabdingbare Voraussetzung für Klimaschutz
Ein Austausch zwischen David Hofmann (Climate Action South Tyrol) und Erwin Demichiel (Friedensblog) zur Frage, wie Klimaschutz und Friedensarbeit zusammenhängen.
Dieser Austausch folgte auf unser Schreiben an die Umweltorganisationen im Jänner 2026 https://www.friedensblog.net/2026/01/08/der-schutz-von-umwelt-und-klima-braucht-frieden/
David unterstreicht, dass beide Kämpfe untrennbar sind und befürchtet, dass Klimaschutz und Friedensarbeit für politische Agenden instrumentalisiert werden könnten.
Erwin hält in diesen Zeiten ein stärkeres friedenspolitisches Engagement der Klimaschützer für notwendig. Er versteht die Befürchtung, instrumentalisiert zu werden, als einen Ausdruck der Angst, bei einer öffentlichen Forderung an die Politik nach aktiver Friedensdiplomatie als Kollaborateur des Feindes geframt zu werden – mit allen negativen Folgen.
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Liebes Team vom Friedensblog!
Eure Worte unterstreichen, was uns alle verbindet: Der Schutz des Lebendigen – und Frieden ist dafür eine naturgemäße Voraussetzung.
Natürlich teilen wir als Climate Action South Tyrol eure Sorge um die zerstörerischen Folgen von Krieg und Hochrüstung für Menschen und Ökosysteme. Euer Aufruf trifft bei uns daher auf offene Türen, tatsächlich haben wir dazu in Reden aber auch Interviews z.B. mit der RAI oder der Südtiroler Tageszeitung [1] bereits in der Vergangenheit des Öfteren darauf verwiesen.
Klimaschutz als aktiver Beitrag zum Frieden
Euer Beitrag benennt zu Recht, wie militärische Logik Ressourcen verschlingt, die für ökologische und soziale Transformationen fehlen.
Dazu hat zum Beispiel auch der Südtiroler Julian Rossmann in einem neulich erschienenen Gastbeitrag in der deutschen Ausgabe der “Le Monde Diplomatique” konzise argumentiert: Aufrüstung zahlt sich auch wirtschaftlich nicht aus. “Jeder in Rüstung investierte Euro generiert in Deutschland etwa 50 Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung, Investitionen in Bildung oder Infrastruktur jedoch das Zwei- bis Dreifache. Durch Rüstungsaufträge werden knappe staatliche Ressourcen in eine Branche gelenkt, deren Produkte bestenfalls in Depots verstauben – und nichts zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.” [2] Wir möchten ergänzen: Die Klimakrise selbst ist ein Multiplikator von Konflikten. Etliche Studien zeigen, dass Dürren, Ernteausfälle und Wasserknappheit bestehende Spannungen verschärfen. [3] Bereits 2007 diskutierte der UN-Sicherheitsrat die Klimakrise als globales Sicherheitsrisiko. [4] Dass fossile Energien wie Öl und Gas seit Jahrzehnten Kriege befeuern, ist – oder sollte zumindest – ein Allgemeinposten sein. Der Angriff auf die Ukraine, die Kriege im Irak oder die Destabilisierung Venezuelas sind nur einige Beispiele dafür, wie eng Energiepolitik und Gewalt verknüpft sind. Umgekehrt zeigt die Forschung, dass klimagerechte Lösungen – wie erneuerbare Energien und lokale Resilienz – Konflikte entschärfen können, weil sie Abhängigkeiten verringern und Kooperation fördern.
Gemeinsame Verantwortung, gemeinsame Sprache
Ihr schreibt, dass „der Schutz von Umwelt und Klima bewusste Bürgerinnen, mutige Gruppen und angemessene Gesetze braucht“. Genau hier sehen wir eine Chance: Klimaschutz ist Friedensarbeit im Hier und Jetzt.
Während Friedenspolitik oft auf diplomatische Prozesse angewiesen ist, können wir im Klimaschutz konkret handeln – durch lokale Projekte, politische Forderungen und Bewusstseinsbildung. Beide Bewegungen stärken sich gegenseitig, wenn wir die Systemzusammenhänge sichtbar machen: dass etwa die Hochrüstungsmaschinerie, die ihr kritisiert, auch eine der größten Treibhausgasquellen ist (z.B. ist das US-Militär die Organisation mit den größten Emissionen weltweit [5, 6]), oder dass die Angst, die Krieg schürt, dieselbe ist, die Klimaleugnerinnen nutzen, um Handlungsblockaden zu rechtfertigen.
Dialog statt Spaltung
Wir verstehen eure Kritik an der „Angst- und Kriegsrhetorik“ und teilen die Überzeugung, dass eine europäische Politik der Diplomatie nötig ist.
Gleichzeitig erleben wir, wie schnell Klimaskepsis in unseren eigenen Reihen Fuß fasst – oft getragen von denselben Kräften, die auch von den militärische „Lösungen“ profitieren. Lasst uns gemeinsam darauf hinwirken, dass weder Klimaschutz noch Friedensarbeit für politische Agenden instrumentalisiert werden. Stattdessen können wir betonen: Beide Kämpfe sind untrennbar. Ein Beispiel: Wenn wir fossile Subventionen streichen, befreien wir nicht nur das Klima, sondern auch Ressourcen für soziale Gerechtigkeit und Konfliktprävention.
Climate Action South Tyrol
David Hofmann
[1] https://www.tageszeitung.it/2023/11/06/inflationaerer-vorwurf/
[2]https://www.woz.ch/lmd/26-01/ruestung-darf-sich-nicht-rentieren/!CAES7A071W8Y
[4] https://press.un.org/en/2007/sc9000.doc.htm
[5] https://www.sciencefocus.com/news/us-military-carbon-footprint
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Liebe Menschen von Climate Action South Tyrol, lieber David,
im Namen unseres Teams danke ich dir für deine Antwort vom 25.02.26 auf unser Schreiben an die Umweltorganisationen. Ich hab eine Weile gezögert dir zu antworten, weil ich selber nicht recht wusste, ob der Austausch nun eigentlich beendet sein kann durch deinen Satz, es darf „weder Klimaschutz noch Friedensarbeit für politische Agenden instrumentalisiert werden. Stattdessen können wir betonen: Beide Kämpfe sind untrennbar.“ Es dabei zu belassen ist möglich, aber ist es dann die ganze Wahrheit?
Ich beginne mit einer Mitteilung unserer Mitbloggerin Susanne Elsen. Sie war Anfang Februar bei der Tagung von climate action zeitweise dabei und hat sich sehr positiv geäußert. Ihr Eindruck war „dass sich außergewöhnlich viel und Erstaunliches im Land tut“. Und schließlich „Es gab nichts, was sich explizit auf Frieden bezieht, aber alle Initiativen vertreten ihn implizit.“ Ja, das ist sicher wahr: alle menschlichen Handlungen, die das Lebendige in vielerlei Formen schützen und fördern, sind friedensstiftend – von Tierwohl über Artenvielfalt, Gerechtigkeit, gemeinsames Beten, Biolandbau, Reduktion schädlicher Substanzen in die Umwelt usw. Alle sind Elemente des Friedens im weiteren Sinne (positiver Friede), der sie und viele mehr umfasst und benötigt.
Aber sind ihre Organisationen deshalb sachlich und ethisch/moralisch „entbunden“ von der Notwendigkeit einer expliziten Haltung zum aktuellen europäischen Krieg, in dem wir alle Bürger eines kriegführenden Staates und der kriegführenden Europäischen Union sind? Muss nicht öffentlich verlangt werden, dass der Friede im engeren Sinne (negativer Friede) hergestellt und die entfesselte und weiter eskalierende militärische Gewalt beendet wird? Muss angesichts der verheerenden Auswirkung auf das Klima nicht öffentlich von unseren Politikern ein Ende der Kriegsrhetorik, ein Ausstieg aus der simplen einseitigen Schuldzuweisung und der Beginn von Verhandlungen ohne Wenn und Aber verlangt werden? Eine Bejahung dieser Frage würde nicht im Geringsten den Wert und die Notwendigkeit der Weiterführung der eigenen Arbeit mindern.
Ich verstehe aber sehr gut die begründete Angst von Organisationen, diesen logischen Schritt explizit zu tun: sie ist die Wirkung der Kriegspropaganda, die integraler Bestandteil jeden Krieges ist. Ob es sich um Propaganda handelt, erkennt man zuverlässig an der Angst, als Kollaborateur des Feindes geframt zu werden und zu wissen, dass dies negative Folgen hat: äußere, organisationsinterne und möglicherweise persönliche. In der EU ist für die Androhung solcher Folgen ein präziser Begriff im Gebrauch: Bekämpfung von Desinformation. Wie du in den Fußnoten zeigst, haben Fridays for Future 2023 eine ähnliche Erfahrung gemacht. Und so entzieht man sich diesem schmerzlichen Dilemma, indem man entscheidet, sich nicht „für politische Agenden instrumentalisieren“ zu lassen.
Nichts liegt mir ferner, als ein moralischer Unterton. Zu lange und zu gut kenne ich selber dieses Dilemma von Organisationen. Es verdient, als solches offen benannt und anerkannt zu werden und so der Wahrheit ein Stück hinzuzufügen. Dies möchte ich tun.
mit herzlichen Grüßen in Verbundenheit und allen guten Wünschen
Friedensblog
Erwin Demichiel



