Über Sisyphos und die Notwenigkeit von Zugbrücken
Seit unseren ersten Rundbriefen haben wir in unserem Friedensblog mehr als 200 Beiträge veröffentlicht. Überlegungen und Appelle unterschiedlicher Art; mal sanft formuliert, mal radikal fordernd.
Nach wie vor ist es mir wichtig, in unserem Blog jegliche Form von Friedensappellen zu publizieren und zu unterstützen. Ob von religiöser oder politischer Seite, ob rechts oder links… wesentlich ist für mich die eine Forderung: STOPP dem Krieg.
Gleichzeitig wird es für mich immer klarer, dass bloße Friedensappelle zu wenig sind. Es geht für mich vor allem darum, die tieferen Wurzeln der Kriege zu verstehen.
Kriege fallen nicht vom Himmel
„Wir wissen, wann der Krieg beginnt, aber wann beginnt der Vorkrieg“? In ihrem Buch „Kassandra“ hat Christa Wolf diese Frage gestellt, die letztlich wesentlich für das tiefere Verständnis der Ursachen ist.
Jeder Krieg hat seine Vorgeschichte und beginnt nicht in einem luft-bzw. kulturleeren Raum.
Diesen Raum gilt es zu betrachten und dazu ist Galtungs Konzept des „positiven Friedens“ sicherlich ein wichtiger Wegweiser. Siehe dazu den Text von Susanne Elsen https://www.friedensblog.net/2026/01/15/frieden-was-bedeutet-das/
Aber: Wie lassen sich die Rahmenbedingungen für einen „positiven Frieden“ (z.B. Rechtstaatlichkeit, gerechte Ressourcenverteilung, Meinungsfreiheit, Vertrauen in die öffentlichen Institutionen) herstellen, wenn die Grundpfeiler dazu auf globaler Ebene zusammengebrochen sind?
Mehr als fünf Jahrzehnte lang habe ich im Kleinen am Bau dieser Grundpfeiler gearbeitet und dazu Brücken gebaut.
War alles umsonst?

Das “Brückenbauen” war mir immer schon ein großes Anliegen.
In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts habe ich an der Vorbereitung der großen internationalen Zukunftskonferenzen mitgearbeitet. War dann in Rio persönlich mit dabei, die Konferenzen von Kopenhagen und Peking habe ich von Südtirol aus verfolgt und die Teilnahme von Südtirolern mitorganisiert.
Alles mit großen Hoffnungen verbunden. Im Wissen, dass zur Bewältigung globaler Herausforderungen (insbesondere Klima, Umwelt und Soziales) eine internationale Kooperation unerlässlich sei. Über eine Global Governance erhoffte ich mir die Lösung; und dazu waren eben viele Brücken nötig. Brücken zwischen unterschiedlichen Akteuren, Regierungen, Zivilgesellschaft, Sozialverbänden usw.
Brücken aus Südtirol in Richtung Welt.
Doch im Laufe der Zeit wurde mir immer klarer, dass der Kommunikationsfluss über diese Brücken nicht wirklich ein gleichwertiger Austausch war. Was von der Welt zurückgekommen ist, waren Normen und Regelwerke, die nicht aus einer fairen Wechselbeziehung entstanden sind. Nicht Teile eines konstruktiven und offenen Dialogs zwischen der Zivilgesellschaft und den Regierungen. Die „Global Partnership“ war letztlich Augenauswischerei; hinter dieser Fassade waren es die großen Stiftungen, NGOs, Lobbygruppen aus Wirtschaft, Finanz und Militär, die ihre Interessen durchgesetzt und nach “unten” durchgedrückt haben.
Der Anspruch dieser Global Governance ist gescheitert, weil letztlich Akteure die Regie übernommen haben, die das eigene Weltbild und die eigenen finanzpolitischen Interessen global durchsetzen woll(t)en. Anfangs im Hintergrund agierend, dann immer offener. Die Intrigen und Machenschaften vor-während und nach der Corona-Pandemie haben dies allzu deutlich gemacht. Vor allem in einer der wichtigsten Organisationen in diesem internationalen Geflecht, der WHO.
Gleichzeitig ist das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene geopolitische Regelwerk außer Rand und Band geraten. Aber: der Anschein einer regelbasierten Weltordnung war schon seit langem obsolet, nicht nur wegen der Interessenkonflikte zwischen den Großmächten. Die internationalen Organisationen wie die UNO, die WTO oder die WHO haben an Bindungskraft und Glaubwürdigkeit verloren. Das “Völkerrecht” ebenso (UN-Generalsekretär António Guterres hat erst kürzlich von einer Rückkehr zum „Gesetz des Dschungels“ gesprochen, in dem das Recht wie ein „À-la-carte-Menü“ behandelt wird – man befolgt nur, was gerade nützt”). Aber: War dieses “Völkerrecht” nicht immer schon zum Großteil Heuchelei? Galt es nur für bestimmte Kontinente und für andere nicht?
Können in einem solchen Kontext die Bedingungen für einen “positiven Frieden” geschaffen werden?
Die Corona-Politik war letztlich Teil eines globalen “Vor-Krieges”; er hat die Grundpfeiler für eine “positive Friedenspolitik” ins Wanken gebracht, das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen, in die Rechtstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Grundrechte ist verlorengegangen.
Um bei der Sisyphos-Metapher zu bleiben: Der Stein der Hoffnung auf eine friedlichere Welt ist zurückgerollt.
Und nun die Frage: Wie weiter? Kann aus der Krise etwas Gutes erwachsen?

Sicher scheint mir, dass eine unipolare Weltordnung – wie von vielen “Globalisten” angestrebt – letztendlich Vielfalt unmöglich gemacht hätte.
Eine “Weltregierung”, die auf die Werthaltung (wenn man in diesem Falle von “Werten” sprechen kann) der großen Blackrocks & Co. aufbaut, hätte langfristig eine Gleichschaltung (und letztlich Auslöschung) individueller und kultureller Vielfalt bedeutet.
Mag sein, dass dies überspitzt formuliert ist. Aber so sehe ich die Welt und deren Entwicklung von der “anderen Seite” der Brücke aus.
In diesen Zeiten des Umbruchs braucht es Zugbrücken. Die Möglichkeiten zum Rückzug, zum Leben in Selbstbestimmtheit und Souveränität.
Vor allem aber: Rückzug zum Nachdenken über das, was für ein Gutes Leben wesentlich ist. Wir leben in Zeiten massiver Gehirnwäsche von allen Seiten. Ängste werden geschürt, Zweifel nicht gestattet. Das Konzept des “positiven Friedens” verbindet sich für mich deshalb eng mit Souveränität. Souveränität – ein starkes Wort? Sicherlich, im allgemeinen Sprachgebrauch.
Für mich geht es dabei um die Möglichkeit, das Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten, um das Recht auf lokale Identität, auf Heimat (als beschützter und beschützender Ort des Rückzugs). Es geht mir um die Stärkung lokaler Wirtschaftskreisläufe, um lokale Netze zur sozialen Absicherung…..
“Small is beautiful” hat es einmal geheißen. „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“ – eine solche ist durch eine „Weltregierung“ nicht gegeben.
Ohne solche Zugbrücken (dem Druck der globalen Welt gegenüber) lässt sich kaum eine eigene Identität und Authentizität bewahren. D.h. man wird zum Spielball in einer Matrix.
Es mag auch hier überspitzt klingen: Nur jene Menschen sind friedensfähig, die „den inneren Burghof“ pflegen: Durch Achtsamkeit, durch die Fähigkeit zur Empathie, durch Genügsamkeit und Ehrfurcht vor dem Lebendigen.
Wenn die Menschen hinter der Zugbrücke authentisch sind, wird die Brücke von den vielen tausenden anderen durch „Zugbrücken gesicherten Inseln“ nie wirklich getrennt sein. Gemeinsam schaffen sie die Quelle zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft.
Klingt all dies pessimistisch und entmutigend? Kürzlich habe ich mir ein Interview mit Ulrike Guerot angehört https://youtu.be/wWsEXm_GDWY?si=cgaU8nidNNIEmamt4.
Sie zitiert Albert Camus´Essay “Der Mythos des Sisyphos” und den Schlusssatz daraus : Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.
Dies ist auch mein Rückschluss nach mehr als fünf Jahrzehnten mehr oder minder intensiver sozial-politischer Tätigkeit. Anstatt an der Sinnlosigkeit zu verzweifeln, machen Kampf und Widerstand schon allein deshalb Sinn, weil diese unsere Herzen füllen und uns die Gewissheit geben, für uns (und für die Welt um uns) Gutes und Sinnvolles zu tun.
Arno Teutsch



