Nachdenken über Krieg und Frieden aus der Sicht einer Ärztin

Als Ärztin, die in relativen Friedenszeiten in Europa studieren und arbeiten konnte, lenke ich meinen Blick auf medizinische, psychologische, soziale Umstände und Folgen von Krieg und Terror. Von dort starte ich mit der Suche nach Frieden.

Schreiben für einen Friedensblog führt mich zunächst zu Kriegsschauplätzen.

Krieg an vielen Orten auf der Welt. Krieg in Europa. Krieg ist ein hässliches Wort. Und eine noch hässlichere Realität.

Ich bin 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren und ich erinnere mich an Männer, die Kriegsinvaliden waren. Als Kind beobachtete ich häufig einen Mann, der eine Jacke trug, die einen leeren Ärmel in der Jackentasche versenkte. Ein anderer hatte den starren Blick eines Glasaugenträgers. Und als Hausärztin hatte ich Kontakt mit Männern, deren Kriegstraumata noch Jahrzehnte später ihr Leben bestimmte. Frauen sprachen oft nur indirekt über Gewalterfahrungen während des Krieges.

Krieg.

Ein organisierter, bewaffneter Konflikt.

Ein Wort. Ereignisse, Angriffe, Gegenangriffe. Ich habe in den letzten Jahren neue Wörter gehört: ballistische Raketen, Drohnenabwehr, Patriot-Flugabwehrsystem, Rheingold, Leonardo, Iron Dome, Vormarsch, Geländegewinne, Kriegstüchtigkeit, Militärhaushalt, Aufrüstung, Sicherheitskonferenz usw.

Daten wie der 24.02.2022, der 07.10.2023 oder der 28.02.2026 haben sich wie eine Brandmarke in mein Gedächtnis eingeprägt.

Ein Auszug aus meinem Tagebuch vom 21. März 2022:

Viele Bilder aus der Ukraine und Gedanken rund um diesen Krieg in meinem Inneren. Heute Notizen aus der Stadt Mariupol von vergewaltigten und verschleppten Frauen. Grauenhaft. Es hat nie aufgehört. Südtiroler Ärzte für die Welt bauen ein Zelt mit Versorgung für Flüchtende an der ukrainischen Grenze auf. Ich lese nach über den Atombombenabwurf in Hiroshima, 100.000 Menschen waren sofort tot. Strahlenschäden.

Demokratie, Resilienz, Hoffnung. Was bedeutet das im Angesicht der Bomben?“

Kriege. Tote, totgeweihte, sterbende, verletzte, verstümmelte, traumatisierte Menschen.

Wolfgang Borchert beschreibt in seinem 1947 entstandenen Gedicht: „Dann gibt es nur eins!“ einen apokalyptischen Nachkriegszustand:

all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn ––, wenn –– wenn ihr nicht NEIN sagt.“

Das Gedicht ist mir, seit ich es in der Mittelschule gelesen habe, immer in eindrücklicher Erinnerung geblieben.

Auch das 1924 entstandene Plakat der Bildhauerin Käthe Kollwitz „Nie wieder Krieg!“ fällt mir immer ein, wenn es um Kriegshandlungen geht.

Die Welt, auf der wir leben:

Weltordnungen kippen. Wirtschaftskriege um Öl, Gas, Strom und seltene Erden werden mit enormer Gewalt und Kurzsichtigkeit geführt und lösen verheerende Umweltkatastrophen aus.

Klimaveränderungen haben bereits jetzt einen negativen Einfluss auf Gesundheit, Umwelt, Sicherheit und Frieden. Extreme Wetterereignisse, erschwerte Versorgung mit Nahrungsmitteln. Ausbreitung von Infektionskrankheiten und Beeinträchtigung von psychischer Gesundheit können weltweit beobachtet werden.

Besorgniserregend ist die Gefahr einer nuklearen Eskalation, die Bedrohung durch Atomwaffen:

9 Staaten – die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea – besitzen insgesamt etwa 12.000 Atomwaffen. Diese Arsenale haben die Macht, die Welt, wie wir sie kennen, mehrfach zu zerstören. Nur 3 % ihrer Kraft könnten jeden dritten Menschen auf der Erde töten.

„Wir werden euch im Kriegsfall nicht helfen können!“ so der Slogan der Ärztinnen und Ärzte von IPPNW, der internationalen Organisation für die Verhütung des Atomkrieges.“

Die Tatsache, sich hilflos und ohnmächtig zu fühlen, bzw. es zu sein gegenüber dieser gewaltigen Bedrohung, kann wie ein Sprungbrett wirken, hinein in eine Handlungsfähigkeit. Und ich meine damit nicht blinden Aktivismus als Reaktion auf eine unerträgliche Wirklichkeit, sondern nüchternes, sachliches, klares Denken und Handeln.

Frieden.

Ja, was ist Frieden?

Ich lese nach bei Wikipedia.

Friede oder Frieden ist im heutigen Sprachgebrauch der allgemeine Zustand zwischen Menschen, sozialen Gruppen oder Staaten, in dem bestehende Konflikte in rechtlich festgelegten Normen ohne Gewalt ausgetragen werden. Der Begriff bezeichnet einen Zustand in der Beziehung zwischen Völkern und Staaten, der den Krieg zur Durchsetzung von Politik ausschließt.

Allgemein definiert ist Frieden als ein heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe, als die Abwesenheit von Störung oder Beunruhigung und besonders von Krieg. Frieden ist das Ergebnis der Tugend der „Friedfertigkeit“ und damit verbundener Friedensbemühungen.“

Teams von „Ärzte ohne Grenzen“ stehen in Kriegs- und Krisengebieten bereit, um zu überprüfen, wie sie helfen können und wie medizinische Mittel eingesetzt werden können.

Ich kann Krieg oder Frieden nicht denken, ohne auf die unterschiedlichen Standorte, auf Einflussvermögen und Machtpositionen von Frauen und Männern zu schauen.

Frauen in der Nothilfe: Träume von Respekt und Gerechtigkeit. Langfristig wirkt eine gute Ausbildung, um mit Wissen, Haltung und Respekt eine gute Versorgung zu gewährleisten.

Liya Jemal Debela, Psychologin aus Äthiopien, sagt: „In Krisensituationen sind Frauen gleichzeitig Betreuerinnen, Überlebende, Versorgerinnen und Beschützerinnen. Gerade deshalb bleibe ihr psychisches Leiden häufig unbeachtet.“

Zainab Bare, eine aus Somalia geflohene Bewohnerin des Flüchtlingscamps Helowyn im Süden von Äthiopien konnte durch ein Programm gestärkt werden, das Mädchen und Frauen die Möglichkeit gibt, von ihren Gewalt- und Fluchterfahrungen zu reden. „Ich kam 2019 ins Helowyn-Camp. Hier gibt es einen Ort, wo Frauen und Mädchen geholfen wird und wo sie Gerechtigkeit erfahren können, wenn sie Gewalt erlebt haben“, berichtet sie.

Vivian Silver war eine Friedensaktivistin, die im Kibbutz Be‘ eri an der Grenze zu Gaza lebte und sich dafür einsetzte, friedliche Lösungen für den Konflikt in diesem Grenzgebiet zu finden. Sie wurde bei der brutalen Terrorattacke am 7. Oktober 2023 ermordet. Ghadir Hani und Dror Rubin haben Vivian Silver ein Buch gewidmet: „Women Write Hope“, Lebensgeschichten von Frauen, die für Frieden arbeiten.

Olena Zinenko erhielt 2023 den „Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis“. Die Journalistin stammt aus der ukrainischen Stadt Charchiv ist zu Kriegsbeginn mit ihren beiden Töchtern zunächst nach Polen und dann nach Deutschland geflohen. Zinenko hat es sich zur Aufgabe gemacht, verfälschte Vorstellungen zu widerlegen; ihr Grundüberzeugung ist die Notwendigkeit von Respekt und Vertrauen.

Wenn Propaganda humanistische Erzählungen verfälscht, müssen wir den Menschen vertrauen, denn dies ist eine komplizierte Situation“, sagt sie. „Wir brauchen Zeit zum Nachdenken.“

Wissen, Respekt, Haltung, Vertrauen, Gerechtigkeit, Zuhören, Zeit zum Nachdenken.

Frieden, ein heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe.

Diesen Ort in mir finden, ihn immer wieder zugänglich machen, davon ausgehend hinschauen, was auf dieser Welt geschieht, wenn ihre Ordnungen zusammenbrechen. An der Grenze zur Sprachunfähigkeit nach Worten suchen, die zu friedensstiftenden Handlungen befähigen.

Es gibt Kraft, an uns selbst als friedensfähige Menschen zu glauben“ so Alexandra Gusetti in ihrem Podcast zu Pazifismus.

Ingrid Windisch
Ärztin für Allgemeinmedizin und Palliative Care, Bozen

April 2026

https://www.ippnw.org

https://www.deutschelyrik.de/dann-gibt-es-nur-eins

https://de.wikipedia.org/wiki/Frieden

https://www.aerzte-ohne-grenzen.de

https://www.rescue.org/de/artikel/watchlist-2026-top-10-krisen

https://www.womenwritehope.com

https://www.wilpf.de

https://progressive.org/latest/olena-zinenko-trust-in-people

https://www.gusetti.at/podcast

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