Was hat Gärtnern mit Frieden zu tun?

Vor 20 Jahren schreibt die Soziologin und Protagonistin der neuen Gartenbewegung im deutschsprachigen Raum Dr. Christa Müller: „In Deutschland machen seit einigen Jahren die Interkulturellen Gärten Furore. Sie gelten deshalb als erfolgreiche Integrationsprojekte, weil sie zu Partizipation anregen und Gestaltungsmacht verleihen. Denn nicht nur der Boden muss umgepflügt und neu gestaltet werden, sondern auch die heterogene soziale Gemeinschaft, und darüber hinaus der Stadtteil, in dem der Garten liegt. Diese konzentrische Bewegung von innen nach außen, die an die Zeit- und Raumvorstellungen der urbanen Gärtner/innen anknüpft, ist ein Integrationsprozess im genuinen Sinne, in dem die Akteure ihre Wirklichkeit mit anderen verhandeln und sich das dabei entstehende Neue aneignen.“

Soziale und psychologische Effekte des Gärtners sind vielfach beschrieben worden. Als Erklärung wird oft die Biophilie-These herangezogen, welche sich auf die angeborene Neigung des Menschen, sich mit der Natur und anderen Lebewesen zu verbinden, bezieht. Die Bewegung städtischer Gemeinschaftsgärten hat sich in den vergangenen Jahren ausgebreitet. In Deutschland existieren heute z.B. mehr als 1000 urbane Gärten, die wesentliche Funktionen für das Zusammenleben in der Stadt und die städtische Ökologie wahrnehmen.

Daneben sind sie aber auch Orte der autonomen Lebensmittelproduktion von Stadtbewohner:innen z.B. die Huertas Comunitarias im krisengeschüttelten Buenos Aires, in Kuba ebenso wie in mehreren hundert Community Gardens in New York City oder Toronto. Für städtische Arme ist wohnortnahe Gartenwirtschaft immer schon eine Möglichkeit gewesen, günstig an hochwertige Lebensmittel zu kommen. So sind z.B. die Community Gardens in der kanadischen Stadt Toronto in ein Netzwerk von sozialen Organisationen eingebunden.

Wir brauchen gar nicht so weit zu gehen um Gärten mit dieser Funktion zu finden. Die Siedlungsstruktur der Semirurali im Bozener Stadtteil Don Bosco orientierte sich in den 1930er Jahren am Bedürfnis der einwandernden italienischen Menschen mit ländlichen Wurzeln, die eigene Existenz neben der Erwerbsarbeit, die erfahrungsgemäß vielen Unsicherheiten unterliegt, in Form dualwirtschaftlicher Produktivität zu sichern. Der Anbau von eigenen Lebensmitteln in den Hausgärten spielte dabei eine zentrale Rolle. Seit 2010 werden die orti semi rurali als interkulturelle Gärten durch die Organisation Donne Nissà vor allem als interkulturelles Integrationsprojekt insbesondere für und mit Frauen mit Migrationsgeschichte geführt. Auch der Bozener Salewa-Garten hat primär eine sozial integrative Funktion. Er wird von Migranten verschiedener Bozener Aufnahmezentren gemeinsam mit Freiwilligen und Salewa-Mitarbeiter:innen nach Prinzipien des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Produkte werden in der Salewa Küche verwertet oder zweimal wöchentlich auf einem Markt angeboten, dessen Erlös den teilnehmenden Migranten zugutekommt.

Zahlreiche innovative Städte und Gemeinden nutzen heute öffentliche Flächen zur Gestaltung „essbarer Städte“, die die Bürger:innen zum Ernten von Obst, Gemüse und Kräutern einladen und damit die Identifikation mit ihrer Stadt fördern wollen. Die kleine Stadt Andernach am Rhein hat diesen Weg auf Initiative des Kämmerers bereits vor 15 Jahren eingeschlagen. In Südtirol ist es Sterzing, welches dieses Konzept übernommen hat und am Eisackdamm einheimische Obstbäume gepflanzt hat, die Bürger:innen zum Ernten einladen.

Wir könnten zahlreiche weitere Beispiele nennen, welche die Funktion von Gärtnern und verantwortlicher Landwirtschaft für ein friedvolles Zusammenleben im Gemeinwesen, für Empowerment und die Erfahrung der Selbstwirksamkeit von Menschen belegen, wie das italienische Programm der sozialen Landwirtschaft carcere verde, welches in ca. 50 Vollzugsanstalten Häftlinge in der ökologischen Landwirtschaft qualifiziert und beschäftigt und ihnen damit auch eine Brücke zu ihrem Leben nach der Haftentlassung eröffnet.

Gärten als Symbole neuen Lebens dienen seit vielen Jahren auch der Erinnerung an Krieg und Zerstörung, so die Gärten des Friedens an Schauplätzen des Weltkriegs insbesondere in Frankreich und Belgien.

Die Friedensgärtnerei, ein aktuelles Netzwerk von Gärten unterschiedlichster Art, Größe und Trägerschaft, hat die gemeinsame Vision respekt- und friedvolle Alternativen zum Raubbau von Krieg und Wachstumsgier zu schaffen. Als Friedensgärten fügen sie sich zusammen zu einer stillen Allianz: WIR GEBEN FRIEDEN. Die Idee dahinter: Einen Beitrag für die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu schaffen und immer wieder an den Frieden zu erinnern, der mehr ist als ein Ende des Krieges und ihn in uns selbst und in unseren lokalen Nachbarschaften neu schaffen. Auch in Südtirol haben sich private und öffentliche Gärten dieser Idee angeschlossen (friedensgaerten.net/suedtirol).

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