Eine Reise nach Warschau
Meine Mutter erzählte nur wenig über ihre Zeit als frisch examinierte deutsche Krankenschwester in den polnischen Lazaretten von Warschau und Radom. Als junge Frau wurde sie von 1939 – 1942 an die deutsch-polnische Front geschickt, um verwundeten und sterbenden deutschen Soldaten Hilfe zu leisten. Ich kann meiner Mutter leider schon lange keine Fragen mehr stellen.
Als ich dieses Jahr eine Enladung nach Warschau erhielt, habe ich sie angenommen vor allem, weil ich mich mit den unvorstellbaren Menschheitsverbrechen an diesem Ort auseinandersetzen und verstehen wollte, wie diese Stadt mit einer solchen Erinnerungslast lebt. Ich habe die neu entstandene Stadt durchwandert, Schauplätze, Museen und Institute besucht, historische Filme gesichtet und Dokumente, Berichte und Briefe gelesen die das Grauen der Jahre von 1939-1944 anschaulich machen.
Erinnerung Teil 1:
1939 lebten 380.000 Menschen in der größten jüdischen Gemeinschaft Europas. Sie machten 30% der Bevölkerung Warschaus aus. Im November 1940 zwangen die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung, eine 3-Meter hohe Mauer um das nur 4km2 große Ghetto zu bauen, in dem zu diesem Zeitpunkt durch die Räumung anderer jüdischer Gemeinden in Polen bereits 450.000 Menschen zusammengepfercht waren. Nach dem Bau der Mauer konnten jüdische Menschen nicht mehr ihren bisherigen Arbeiten außerhalb nachgehen und ein Blick von oder nach außen war nicht mehr möglich.
Bis 1942 starben über 80.000 Menschen im Ghetto an Hunger. Lebensmittelkarten billigten ihnen 184 Kalorien zu, während es für Polen 669 und für Deutsche 2631 Kalorien waren. Ab 1942 begann die systematische Vernichtung der Warschauer Juden, die vom so genannten Umschlagplatz in Viehwaggons in die Todeslager von Ausschwitz und Treblinka deportiert wurden. In nur zwei Monaten wurden so 300.000 Menschen in den Tod geschickt. Die Briefe und Dokumente des jüdischen Museums beweisen, dass das wahre Ziel der „Umsetzung der Juden in den Osten“ bekannt war.
Ende 1942 lebten noch 75.000 jüdische Menschen im Ghetto. Im April 1943 erhob sich die jüdische Kampforganisation ZOP zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten und lieferte sich über einen Monat einen verzweifelten Kampf, wohl wissend, dass er nicht gewonnen werden kann. Knapp 800 Kämpfer stellten sich 2000 deutschen Soldaten entgegen. Mit einigen hundert Pistolen, Gewehren, Messern, Handgranaten und selbst gebauten Molotow-Cocktails gingen die jüdischen Kämpfer ins Gefecht gegen die Truppen, die durch Panzer, Artillerie und Luftwaffe unterstützt wurden. Sie wurden systematisch umgebracht, die Wohnhäuser und die Synagoge wurden gesprengt. Es war Himmlers Geburtstagsgeschenk an Hitler am 19.4. 1943, Warschau am 20.4. „judenfrei“ zu übergeben.
Erinnerung Teil 2:
Der Aufstand des Warschauer Ghettos wird oft verwechselt mit dem Warschauer Aufstand vom August 1944. Ca. 23.000 Kämpfer der polnischen Heimatarmee, die im Untergrund gegen die deutsche Besetzung aktiv waren, erhoben sich in dem Moment, als die ersten sowjetischen Panzer im Stadtteil Praga auf der anderen Weichselseite sichtbar waren, in der Hoffnung auf Unterstützung. Aber die sowjetischen Truppen intervenierten nicht. Die deutschen Besatzer verstärkten ihre Kämpfe nach dem Befehl von Himmler: „Jeder Einwohner soll getötet, niemand darf gefangen genommen werden. Damit soll ein abschreckendes Beispiel für ganz Europa geschaffen werden.“
Nach 63 Tagen des heftigen Widerstandes kapitulierte die Heimatfront. 200.000 Zivilisten und 15.000 Untergrundkämpfer starben, 280.000 Bewohner wurden vertrieben. Haus für Haus wurde systematisch gesprengt. Anfang 1945 war Warschau zu 90% zerstört und menschenleer.
Frage:
Wieso intervenierten die sowjetischen Truppen nicht?
Im August 1939 unterzeichneten die Außenminister des Deutschen Reiches und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) den geheimen Hitler-Stalin Vertrag, darin hatten sie die Aufteilung Polens vereinbart. Ein heimtückisches Manöver, denn zuvor hatte Deutschland den Polen vertraglich zugesichert, sie nicht anzugreifen.
Erinnerung Teil 3
Ich erinnere mich an den Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt auf den Stufen vor dem Denkmal der Warschauer Helden des Ghetto. Brandt war 1970 auf dem ersten Staatsbesuch in Polen um die deutsch-polnischen Verträge zu unterzeichnen. Die sozial-liberale Regierung verfolgte zu diesem Zeitpunkt eine neue Richtung in der Ostpolitik: Entspannung durch Annäherung. Mit dem Warschauer Vertrag erkannte die deutsche Regierung die Oder-Neiße-Grenze offiziell an was für Polen von großer Bedeutung war.
Die Geste – sagt Willy Brandt später – war spontan, ungeplant und dafür umso intensiver. Das Foto vom Kniefall in Warschau ging um die Welt. Es wird zum Symbol für die Aussöhnung der beiden Staaten.
Frage:
Und heute?
Polen scheint sich auf den nächsten Krieg vorzubereiten. Schon jetzt gibt das Land mehr als vier Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für sein Militär aus. Die polnische Berufsarmee, nach den USA und der Türkei aktuell die drittgrößte in der NATO, soll auf rund 300.000 Männer und Frauen anwachsen. Und auch die Zivilgesellschaft wird einbezogen: An den Schulen erhalten Kinder eine „Sicherheitsausbildung“. Berufstätige können sich zur Heimatverteidigung verpflichten oder „Ferien beim Militär“ machen.
Während meines Aufenthaltes im Mai 2026 wurde mitgeteilt, dass die U.Bahnschächte als Schutzräume für 200.000 Menschen eingerichtet und die Bunker des Weltkrieges II wieder funktionsfähig gemacht werden.
Letzte Frage:
Wiederholt sich Geschichte?



