Wird die Bevölkerung der EU endlich kriegsbereit?
Jochen Mitschka aus dem Blog TKP
Es soll hier ein Thema angesprochen werden, das die Psychologie der permanenten Dämonisierung Russlands in der EU betrifft — eine Kampagne, die anscheinend nicht die gewünschten Früchte trägt. Trotzdem könnte die Bereitschaft zum Krieg steigen. Nur vollkommen anders, als die selbsternannte Elite der EU sich das vorstellt. Was sagen die nackten Zahlen?
Wer mit Menschen in der EU spricht, hört mehrheitlich Ablehnung — gegen Sanktionen, gegen die Eskalation gegenüber Russland, gegen die Fortsetzung des Ukraine-Kriegs mit europäischem Geld und Material. Auch die anderen Fronten, auf denen die USA und ihre Verbündeten bombardieren, sanktionieren oder wie im Fall Kubas seit über sechs Jahrzehnten total blockieren, finden immer weniger Zustimmung. Verschiedene Umfragen sprechen eine deutliche Sprache. Die Propaganda scheint eher das Gegenteil dessen zu erreichen, was sie bezweckt. Und doch könnte die Kriegsbereitschaft wachsen — nicht weil die Menschen überzeugt wurden, sondern weil sie zermürbt sind.
Was die Zahlen verraten
Eine im Dezember 2025 veröffentlichte Neun-Länder-Umfrage zeigt eine tief gespaltene europäische Öffentlichkeit: Während 77 Prozent der Polen ein „hohes Risiko“ für einen Krieg mit Russland sehen, sind es in Italien nur 34 Prozent. im Durchschnitt gaben aber 69 Prozent der Befragten an, ihr Land wäre nicht in der Lage, sich gegen Russland zu verteidigen, darunter 85 Prozent der Italiener und 69 Prozent der Deutschen. Bemerkenswert ist, wie wenig diese Angst in persönliche Kampfbereitschaft übersetzt wird: Laut einer Spiegel-Erhebung wäre nur etwa jeder zehnte befragte Deutsche im Angriffsfall bereit, zu den Waffen zu greifen. Die Gallup-International-Erhebung zur globalen Kampfbereitschaft zeichnet dasselbe Bild in noch schärferen Farben: Der Präsident des Instituts stellte fest, dass die Bürger des Westens deutlich weniger geneigt sind, Waffen zu tragen, als die Bürger der übrigen Welt — das offizielle Narrativ, wonach der Ukraine-Krieg auch der eigene Krieg der G7- und EU-Staaten sei, korreliert kaum mit der tatsächlichen Kampfbereitschaft der dortigen Bevölkerungen.
Kurz: Die Zustimmung zur Bedrohungserzählung wächst stellenweise, die reale Bereitschaft, für sie in den Krieg zu ziehen, tut es nicht. Genau das ist das Problem, an dem Brüssel seit Jahren arbeitet.
Wenn Zustimmung zur Managementaufgabe wird
Wer glaubt, es handle sich hier um einen spontanen Meinungsbildungsprozess, sollte einen Blick in die eigenen Papiere der Institutionen werfen. Ein Policy-Brief des Centre for European Reform beschreibt unverblümt, wie eine skeptische Bevölkerung von steigenden Verteidigungsausgaben „überzeugt“ werden soll. Zustimmung falle nicht automatisch an, sie müsse aktiv gewonnen werden; Regierungen sollten Verteidigungsausgaben gezielt als Sicherheitsinvestition darstellen, Bedrohungen stärker betonen und die Debatte aus dem Expertenzirkel in die breite Gesellschaft tragen. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist eine offen formulierte Kommunikationsstrategie für ein Publikum, das man erst noch auf Linie bringen muss.
Parallel dazu wird das Ausmaß der Aufrüstung sichtbarer: Die europäischen Verteidigungsausgaben stiegen laut SIPRI-Jahresbericht 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar — der höchste Wert, den SIPRI je für den Kontinent erfasst hat. Das „Weißbuch Europäische Verteidigungsbereitschaft 2030“ der Kommission formuliert das eigentliche Ziel dabei selbst kaum verklausuliert: Es gehe darum, dass Europa nicht zum „passiven Empfänger“ einer neuen internationalen Ordnung wird, sondern bis spätestens 2030 so aufrüstet, dass die eigenen ökonomischen und geopolitischen Interessen militärisch durchgesetzt werden können— mit der Ukraine als „zentralem Kampffeld“ dieser Neuordnung. Wie glaubhaft ist bei solchen Texten „Verteidigung“?
Auch die zivile Seite der Vorbereitung nimmt Formen an, die über Aufklärungsbroschüren hinausgehen. In Hamburg trainierte die NATO-Übung „Red Storm Bravo“ nicht nur Truppenbewegungen, sondern nach Berichten auch den Einsatz gegen Antikriegsdemonstranten — ein Hinweis darauf, dass es der Militarisierung nicht nur um äußere Abschreckung, sondern auch um die Verwaltung innenpolitischen Widerstands geht. Deutschland hat unterdessen sein Rekrutierungsmodell verschärft: Ab 2026 erhalten alle 18-Jährigen einen Fragebogen zur Bewertung ihrer Bereitschaft zum Militärdienst, ab 2027 werden 18-jährige Männer medizinisch untersucht — der Aufbau einer Mobilisierungsdatenbank, den Verteidigungsminister Pistorius offen als „Kriegstüchtigkeit“ bezeichnet.
Der Widerspruch: Sanktionspolitik verliert weltweit an Rückhalt
Während die EU zu Hause um Zustimmung wirbt, bröckelt ihre außenpolitische Erzählung international sichtbar. Bei der UN-Abstimmung über das US-Embargo gegen Kuba im Oktober 2025 stimmten 165 Staaten für die Aufhebung der Blockade, nur sieben dagegen — darunter neben den USA und Israel auch die Ukraine, Ungarn, Argentinien, Paraguay und Nordmazedonien. Das trotz intensiven diplomatischen und wirtschaftlichen Drucks durch die USA. Zum 33. Mal in Folge stellt sich damit die überwältigende Mehrheit der Weltgemeinschaft gegen eine über sechzig Jahre alte Zwangsmaßnahme, die vor allem die Zivilbevölkerung trifft. Bezeichnend ist, wer sich diesmal auf die Seite der sieben Neinstimmen und der Enthaltungen schlug: mehrere osteuropäische EU-Staaten, deren Position sich erkennbar aus der eigenen Sicherheitsarchitektur gegenüber Russland erklärt, nicht aus einer inhaltlichen Bewertung der Kuba-Frage selbst.
Das ist die eigentliche Pointe: Sanktionspolitik als Instrument wird international zunehmend geächtet, während sie innerhalb der EU als alternativlos verkauft wird. Der Widerspruch zwischen dem, was die eigene Bevölkerung und der Globale Süden für legitim halten, und dem, was die EU-Kommission für notwendig erklärt, wird größer, nicht kleiner.
Was man sich fragen kann
Wenn also offensichtlich weder Sanktionsdruck noch Feindbildpflege die erhoffte Kriegsbereitschaft erzeugen — woher soll sie dann kommen? Die naheliegende Antwort ist unbequem: nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Menschen, die seit Corona, Energiekrise, Inflation und einer endlosen Kette von „historischen Zeitenwenden“ in einem Dauerzustand der Ausnahme leben, entwickeln keine Begeisterung für den nächsten Konflikt — sie entwickeln Fatalismus. Ein Teil der Bevölkerung scheint sich innerlich bereits damit abgefunden zu haben, dass „es sowieso kommt„, und wünscht sich vor allem, dass die Ungewissheit endet, damit wieder so etwas wie Normalität einkehren kann. Das ist keine Zustimmung zum Krieg, sondern Kapitulation vor der eigenen Zermürbung.
Das könnte schief gehen
Genau diese Verwechslung ist der blinde Fleck der europäischen Sicherheitsstrategen. Sie messen Kriegsbereitschaft an Umfragewerten zur „Bedrohung durch Russland“ und Verteidigungsausgaben in Milliardenhöhe, aber sie übersehen, dass eine Bevölkerung, die den Krieg nur noch „hinter sich bringen“ will, keine mobilisierbare Ressource ist, sondern eine erschöpfte.
Trotz der eindeutigen Stimmungslage, die Aufrüstung, Sanktionen und Krieg widerspricht, bildet sich keine massive Gegenbewegung, wie seinerseits gegen den Raketendoppelbeschluss in Deutschland, oder den Vietnamkrieg in den USA. Was anderes als Resignation kann man daraus schließen?
Wer aus Resignation nicht widerspricht, ist noch lange nicht bereit, für eine von oben verordnete „neue internationale Ordnung“ das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Die Elite mag das eine für das andere halten — bis der Ernstfall zeigt, wie groß der Unterschied tatsächlich ist.


