Kriegsgerät allein macht nicht glücklich. Es braucht auch eine neue soldatische Haltung, wenn wir erfolgreich die Lunte zünden wollen (Andrès Carlos Pizzinini).
Bald beginnt wieder die Schule und das alte und doch wieder neue Thema stellt sich: wie können Kinder und Jugendliche für den Krieg gewonnen werden?
Nun tagt wieder das Europäische Forum Alpbach und hunderte junger Menschen dürfen wieder dabei sein, wenn „erfahrene Entscheidungsträger:innen und junge Denker:innen“ auf höchstem Niveau über die Zukunft Europas diskutieren. „How Europe Wins“ ist diesmal das Thema. „Ist Europa derzeit auf der Siegerstraße …. Muss jemand verlieren, damit Europa gewinnt? Was fehlt Europa zum geborenen Gewinner …. Und welches Spiel wird überhaupt gespielt?“ Ja, gute Frage möchte man da rufen, welches Spiel wird überhaupt gespielt?
Da geht man doch davon aus, dass unsere europäische politische Elite – aus Zeitmangel leider ohne uns zu fragen – vor ein paar Jahren beschlossen hat, Krieg gegen Russland zu führen, das zwar viele aber nötige Geld bereit zu stellen und wegen einem bedauerlichen Mangel an qualifiziertem Personal auf den diplomatischen Weg der Konfliktlösung zu verzichten. Im Programm des Forums Alpbach ist von derlei expliziten Unappetitlichkeiten nichts zu finden, sie sind in die Zwischenzeilen verpackt. Beispielsweise schreiben zwei junge TeilnehmerInnen in einem Zwischenbericht über ihre Erfahrungen im „Outdoor Based Leadership Seminar OPCON“, ausgerichtet von Leutnants der Theresianischen Militärakademie, über ihre Erfahrung. Obwohl sie das blutige Geschäft des Militärs ablehnen, seien sie doch froh, dass es Leute gibt, die es übernehmen. Und die vielen nützlichen Geschenke mit Bundeswehr Logo hätten trotz anfänglicher Bedenken schließlich doch einen neuen Erkenntnisgewinn gebracht: „Das Olivgrün steht uns irgendwie gut.“ Die Leutnants in Alpbach haben ihre Aufgabe mit Bravour gelöst: wie kann man in die Köpfe kritischer junger Menschen, ohne Geschrei und Druck, freundlich, smart und leise, Krieg und das, was eben dazu gehört, als etwas Normales, Alltägliches und womöglich Schickes verankern; nudging, wie es auch in den Handbüchern der kognitiven Kriegsführung gelehrt wird.
Bald beginnt wieder die Schule und das alte und doch wieder neue Thema stellt sich: wie können Kinder und Jugendliche für den Krieg gewonnen werden? Wie kann die nötige „gesamtkulturelle Neuorientierung“ möglichst effektiv bewerkstelligt werden? Schließlich muss ja jemand zusätzlich zur erfolgreichen Aufrüstung “die Lunte zünden“. Diese verpflichtende Neuorientierung der gesamten Gesellschaft, auch des Bildungsbereiches, ist ausführlich in NATO-Dokumenten unter dem Begriff der „civil preparedness“ beschrieben. Neben den Universitäten, die mittlerweile zahlreich in irgendeiner direkten oder indirekten Form von Kooperation, Forschung und Lehre (wir hatten von einem kleinen Beispiel schon kurz berichtet) am Rüstungs- und Kriegsgeschäft beteiligt sind, ist eben die Schule ein wesentliches Feld, um die Knaben und Mädchen möglichst früh mit dem Feind unserer Wertegemeinschaften bekannt zu machen, sie dem soldatischen Geist zu öffnen und für das Kriegshandwerk zu begeistern. Von der pädagogisch höchst aktiven großen NATO-Basis Sigonella in Sizilien über den „bimbo-day RAI“ in Rom bis zum open day des „4° Reggimento AVES Altair“ in Bozen sind die europäischen Anstrengungen zur fortschreitenden Militarisierung und Normalisierung von Aufrüstung und Krieg im Bildungsbereich auch in Italien deutlich sichtbar. Und – wie gesagt – nicht mehr in den rüden und primitiven Formen wie einst in ersten Weltkrieg, sondern smart, elegant und nebenbei nach den Regeln des nudging. So bezog sich eines der diesjährigen Maturathemen auf den römischen Rhetoriklehrer Quintilianus: “la musica come fondamento dell’educazione del perfetto oratore”. Neben ihrer Bedeutung für die Redekunst wusste dieser schon damals überzeugend darzulegen, wie entscheidend die Musik zu den militärischen Leistungen Roms und seiner Macht beigetragen hat: „…. a caricare gli animi, a sincronizzare i passi, a creare quella coesione che trasforma un gruppo di uomini in una macchina da guerra.“
Gewaltprävention in der Schule? Förderung von emotionaler Kompetenz, Empathie und Beziehungsfähigkeit im Unterricht? Hm, nun ja, vielleicht kriegen wir das doch irgendwie hin. Schließlich ist unser Militär ganz anders, als jenes unseres autoritären und demokratiefernen Feindes. Unsere Soldaten verteidigen nämlich Werte und da gibt es gute Beispiele. Außerdem ist Töten im Krieg heute meist recht sauber. Unsere Kinder und Jugendlichen können sich mit ihren umfangreichen Gaming-Fähigkeiten sehr leicht auf das Lenken von Kampfdrohnen (sec 0 – 0,56) umstellen, vom Kinderzimmer aus sozusagen.
Und am Ende … wie üblich … natürlich sind nicht alle einverstanden mit den neuen Bemühungen im Bildungsbereich. Irgendein gallisches Widerstandsnest gibt es immer irgendwo. Das darf auch sein … solange ….


