Josef I., Josef II., Josef III.
Die folgenden Gedanken schrieb Irmtraud Mair, die Vorkämpferin der Südtiroler Friedensfrauen, am Josefitag 1984.
Wir alle kennen das: Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen. Wo aber lernen? In den Geschichtsbüchern vielleicht? Auf die ist kein Verlass. Sie werden meistens, laut Bertold Brecht, von den Siegern verfasst, die mit der Wahrheit schlampig umgehen und sie gern zu ihren Gunsten zurechtbiegen.
Für meine hausbackene Geschichtsbetrachtung müssen drei Josefe herhalten, mein Großvater Josef I., mein Vater Josef II. und Josef III., sein Sohn. Also mein Bruder.
Der erste Josef ist im Ersten Weltkrieg gefallen, der zweite im Zweiten und der dritte noch nicht im dritten, weil es den noch nicht gegeben hat. Den dritten zu vermeiden, das ist Anlass dieser Geschichte.
Josef I. liegt in Vahrn begraben und daran ist weiter nichts auszusetzen: Er ist bei der Verteidigung der Heimat umgekommen. Er liegt in der Heimaterde, wie es sich für einen Tiroler gehört. Mit dem Josef II. ist das schon anders. Der liegt in keiner Heimaterde, vielleicht in überhaupt keiner Erde. Es heißt, dass er am Russlandfeldzug teilgenommen hat. In dieses Feld ging er nicht, um Gras zu mähen. Was er trug, war alles andere als eine Sense. War er so blind, dass er die Grenzen Tirols am Dnjepr suchte?
Schmach und Schande über ihn. Man wird mir diese harten Worte verzeihen, wenn man bedenkt, dass er auch am Hl. Josef Verrat beging, der sein Kindchen nie allein ließ, um einer Fahne nachzulaufen und eine weinende Mutter zurückließ.
„Sepp“, sagte meine Mutter, „geah nimmo! Do Kriag isch bold aus“, als er in Urlaub kam. Aber jetzt musste er B sagen und mitmachen bis zum bitteren Ende.
Jetzt fürchtete er sich vor den eigenen Landsleuten mehr als vor den Russen, vor denjenigen, die ihn angezeigt und als Deserteur erschossen hätten. Da ist er lieber nach Stalingrad. Das kann ich wiederum verstehen, denn die Angst vor den eigenen Leuten tut mehr weh als eine Feindeskugel in den Bauch. Und so hat ihn der russische Winter verschluckt, den verirrten Tiroler und Tausende Tiroler mit ihm, wie schon damals das napoleonische Heer und danach die Kaiserlichen und danach ein Hitler.
Und jetzt haben wir schon wieder einen, der‘s versuchen will. Und diesmal mit Atomsprengköpfen und wenn die Geschichte sich wiederholt, weil wir nichts gelernt haben, wird es vielleicht die Friedhöfe nicht mehr geben mit den Gedenksteinen für die in fast ganz Europa verstreuten Toten. Außer in der Schweiz.
Und dabei hätten wir das Landlibell gehabt, das gleiche wie die Schweizer. Es wären und die zwei Weltgemetzel erspart geblieben. Es gäbe keine Russen in Afghanistan, keine Amerikaner in Granada, keine Afroamerikaner in Natz-Schabs.
Und unser Josef III.? Aus dem wird hoffentlich ein friedensbewegter Mensch, ein Friedensmarschierer ohne Marschbefehl, ein wehrhafter Mensch ohne Waffen, ein Kämpfer in eigener Regie, kurz, ein richtiger Tiroler.
Irmtraud Mair, derzeit in Dortmund


