Ziviler Ungehorsam und gewaltloser Widerstand
Folge 2: Zur Lage afghanischer Frauen und zum zivilen Ungehorsam unter Bedingungen der Entrechtung
Ziviler Ungehorsam muslimischer Frauen in Afghanistan ist lebensgefährlich, da er gegen die drakonische Politik und Rechtsprechung und die institutionalisierte Gewalt der Regierung gerichtet ist, welche unter dem Druck gesellschaftlicher Veränderungen mit verschärfter Kontrolle und Gewalt reagiert. Seit der Regierungsübernahme der Taliban in Afghanistan 2021 wurden schrittweise die Rechte von Frauen weiter beschnitten.
Die Rechtlosigkeit von Frauen ist ein zentrales politisches Ziel und Instrument zur Machterhaltung, gesellschaftlichen Kontrolle und ideologischen Durchsetzung der Theokratie. 50% der Bevölkerung wird vollständig aus dem öffentlichen Leben verbannt und im privaten Leben kontrolliert, um die patriarchale Ordnung der Taliban zu sichern. Frauen werden durch zahlreiche Mechanismen und Akteure daran gehindert, Widerstand zu leisten. Sie dürfen das Haus nur in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen und werden dadurch zu Gefangenen in ihrem eigenen Zuhause. Die andere Hälfte der Bevölkerung, die männliche, erhält formal verbrieft die Macht über die Frauen und wird so zum willfährigen Instrument der Stabilisierung des Systems. Die Taliban legitimieren ihre theokratische Herrschaft durch eine strenge Auslegung des Islam.
Für Frauen und Mädchen ist die Lage dramatisch. In nur wenigen Monaten nach ihrer Machtübernahme höhlten die Taliban mit unvergleichlicher Härte ihr Recht auf Selbstbestimmung weiter aus. Human Rights Watch spricht von Menschenrechtsver-letzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frauen werden systematisch unhörbar und unsichtbar gemacht. Die Taliban haben afghanischen Frauen durch die im August 2024 erlassenen Gesetze zur „Förderung der Tugend und Verhütung des Lasters“ verboten, ihre Stimmen in der Öffentlichkeit zu erheben. Sie dürfen kaum noch das Haus verlassen und ihre Bewegungsfreiheit wurde massiv eingeschränkt. Sie sind per Dekret verpflichtet, in Gegenwart fremder Männer zu schweigen, und dürfen nicht singen oder laut beten. Frauen müssen laut Gesetz ihr Gesicht und ihren Körper vollständig verhüllen.
Die Bildung von Frauen und Mädchen wird als Gefahr für den Bestand des theokratischen Systems gewertet und wurde gesetzlich verboten. Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 ist der Bildungszugang für Frauen und Mädchen in Afghanistan systematisch unterbunden worden. Mädchen dürfen landesweit nur noch bis zur sechsten Klasse die Schule besuchen, und seit Dezember 2022 ist Frauen der Zugang zu Universitäten und weiterführenden Bildungseinrichtungen vollständig untersagt
Frauen haben nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Wenn der behandelnde Arzt männlich ist und kein männlicher Verwandter anwesend ist, dürfen sie den Arzt nicht aufsuchen. Das führt dazu, dass Frauen oft keine angemessene medizinische Hilfe erhalten und ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet wird. Auch die weiblichen Angehörigen männlicher Patienten dürfen diese im Krankenhaus nicht besuchen.
Die Taliban haben im Februar 2026 ein weiteres Strafgesetzbuch für Afghanistan eingeführt, das die Gleichheit auch vor dem Gesetz noch stärker einschränkt, religiöse Minderheiten unterdrückt und Gewalt an Frauen legalisiert. Mit Dekret Nr. 18 haben die Taliban in Afghanistan dann im Mai 2026 auch ein Gesetz erlassen, das Kinderehen rechtlich verankert und Mädchen den Ausweg aus Zwangsehen nahezu unmöglich macht
Gemäß Artikel 15 wird bei Straftaten, für die keine vorgeschriebene Strafe festgelegt ist, eine Strafe im Ermessen verhängt, welche vom Imam bzw. vom »Ehemann« beziehungsweise vom »Herrn« vollstreckt werden kann. Die Bestrafungsmethoden für Frauen, die gegen das neue Tugendgesetz der Taliban verstoßen, sind hart und werden oft willkürlich verhängt. Sie werden nach Ermessen und basierend auf den Vorstellungen der Scharia verhängt, was Frauen oft jegliche Möglichkeit zur Verteidigung nimmt. Verstöße gegen die Tugendgesetze werden sofort geahndet, ohne dass eine Untersuchung oder ein Gerichtsverfahren stattfindet.
Isoliert und weggesperrt in den eigenen Wänden, unter verschärften Kontrollen durch den Einsatz von Sittenwächtern gibt es kaum Möglichkeiten für Frauen sich zusammenzuschließen und für ihre Rechte zu kämpfen. Frauen in Afghanistan riskieren bei Demonstrationen ihr Leben für Grundrechte wie Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit. Die Taliban unterdrücken diese Proteste meist brutal mit Waffengewalt. Aufgrund der extremen Repressionen finden viele Aktionen heute nur noch im Untergrund statt oder formieren sich im Ausland. Untergrundnetzwerke afghanischer Aktivistinnen nutzen soziale Medien um das Vorgehen der Taliban, wie Razzien und Misshandlungen durch die Moralpolizei zu dokumentieren und an die Weltöffentlichkeit zu tragen.
Und doch gibt es heldenhafte Aktionen von Frauen und Männern in Afghanistan. Als Reaktion auf die Verhaftung von mindestens 30 Frauen wegen Verstoßes gegen Kleidungsvorschriften kam es im Juni 2026 in Herat zu offenen Protesten. Hunderte Frauen und auch Männer widersetzten sich dem Versammlungsverbot und forderten lautstark „Arbeit, Bildung und Freiheit“. Das Regime antwortete mit Schusswaffen. Dabei wurden mindestens eine Person getötet und viele verletzt.
Ziviler Ungehorsam äußert sich auch in Untergrundbildung. Da Frauen und Mädchen der Zugang zu Schulen und Universitäten verwehrt wird, trotzen viele Familien und Lehrkräfte dem Verbot durch geheime Unterrichtszirkel in privaten Räumen.
Eine Symbolfigur des gewaltlosen Widerstandes gegen die Willkürherrschaft der Taliban ist die 1997 geborene Malala Yousafzai, die bereits im Alter von elf Jahren für die Rechte von Mädchen auf Bildung eintrat und sich gegen den Extremismus der Taliban wandte. Ihren Mut hätte sie fast mit dem Leben bezahlt. Als 15-Jährige hatte Malala den Zorn der Taliban auf sich gezogen, weil sie sich in ihrer Heimat offen für das Recht auf Bildung für Mädchen engagierte. Deshalb stürmten Taliban-Kämpfer den Schulbus, in dem sie sich befand, und schossen ihr in den Kopf – sie überlebte schwer verletzt. Malala studierte an der Universität von Cambridge Philosophie, Politik und Wirtschaft und ist seit 2017 Friedensbotschafterin der Vereinten Nationen. Im Jahr 2013 war Malala die jüngste Person, der jemals der Sacharow-Preis verliehen wurde. Im Oktober 2014 erhielt sie als jüngste Preisträgerin den Friedensnobelpreis.




