4. November 1939
„Wie jedes Jahr haben wir auch heuer wieder des Krieges gedacht und seines Endes, die Kinder können sich glücklich schätzen, sagte ich ihnen, sie kennen den Krieg nur aus Erzählungen. Ich sei während des Krieges geboren, war damals noch so klein, dass ich mich nicht mehr erinnern könnte. Aber ich weiß, dass die Eltern, die Verwandten meiner Kinder, die Großeltern hier sehr wohl Schreckliches erlebten. Ich weiß, dass der Krieg eine große Wunde ist, denn aufgrund des Krieges kam Südtirol zu Italien, und deswegen müssten sie nun italienisch reden. Ob das gerecht war oder nicht, darüber wollte ich nicht urteilen, kann ich auch nicht, aber ich weiß, dass es nicht einfach ist, wenn ein Land plötzlich einen anderen Vater hat. Ich weiß, dass der vor kurzem beschlossene Umsiedlungspakt zwischen Mussolini und Hitler in den Familien einen Krieg entfachte, der noch viel schmerzhafter ist, weil er in den Stuben ausgetragen wird und nicht auf fernen Schlachtfeldern. Ich nahm heute allen meinen Mut zusammen, um die Kinder fröhlich zu stimmen. Ich weiß, dass in Europa bereits Krieg ist, und er ist gar nicht so weit entfernt. Hoffentlich bleibt es so, dass wir nie einen Krieg erleben müssen.“
Für den halbfiktiven Roman, „Das Fliegen der Schaukel“, der 2017 im Haymon-Verlag erschienen ist, hat die Autorin Astrid Kofler alte Klassenbücher durchgesehen, die in den Volksschulen in Oberinn und Wangen von den Italienischlehrerinnen in der Faschistenzeit verfasst wurden. Auszüge aus den Klassenbucheintragungen hat sie wortwörtlich in Deutsche übertragen. Natürlich fanden sich viele Stimmen, die dem entsprechen, was man weiland gerne den Italienischlehrerinnen aus dem Süden unterstellte, dass sie von Mussolini begeistert die Italianità in Südtirol zu verbreiten beabsichtigten, doch fanden sich auch Lehrerinnen, die die Bergkinder ins Herz geschlossen hatten und sich Gedanken über Krieg und Frieden machten. Der Auszug ist eine Original-Übersetzung aus einem dieser Klassenbücher, die damals übrigens zur Durchsicht dem Podestà vorgelegt werden mussten. Vom 4.11.1939 – also aus Zeiten der Option – stammt obiger Klassenbuch-Eintrag einer unbekannten Lehrerin, die auch trotz zahlreicher Recherchen leider nicht gefunden werden konnte.

