Nukleare Abrüstung
Warum Deutschland über eine unbequeme Wahrheit sprechen muss
Es gibt Themen, die in der Öffentlichkeit allmählich verschwinden, obwohl sie in Wahrheit drängender werden. Atomwaffen gehören dazu. Während auf internationaler Bühne Staaten ihre Arsenale modernisieren, während neue Trägersysteme die Entscheidungszeiten im Ernstfall weiter verkürzen und während geopolitische Spannungen zunehmen, entsteht in Deutschland der Eindruck, als sei das Risiko nuklearer Eskalation eine Frage der Vergangenheit. Diese Wahrnehmung ist trügerisch. Tatsächlich befindet sich die Welt in einer Situation, die in ihrer Gefährlichkeit an die kritischsten Momente des Kalten Krieges erinnert. Die technische Komplexität der Systeme, die politische Unberechenbarkeit vieler Akteure und die wachsende Rolle automatisierter Frühwarnmechanismen machen die Lage heute sogar unübersichtlicher als damals.
Trotzdem wird in Deutschland kaum darüber gesprochen. Die politische Sprache hat sich von der Realität entkoppelt. Statt über Risiken spricht man über vermeintliche Notwendigkeiten, statt über menschliche Konsequenzen über militärische Logik. Atomwaffen erscheinen in der öffentlichen Debatte wie feste Bestandteile einer naturgesetzlichen Ordnung, nicht wie menschengemachte Instrumente, deren Einsatz unermessliches Leid und langfristige Zerstörung zur Folge hätte. Diese Verdrängung hat einen hohen Preis, denn eine Politik, die ihre gefährlichsten Risiken nicht reflektiert, verliert ihre Fähigkeit, verantwortungsvoll zu handeln.
Die Logik der Abschreckung wirkt in diesem Kontext wie ein trügerisches Versprechen. Sie behauptet, Stabilität entstehe dort, wo sich Staaten gegenseitig bedrohen. Doch Stabilität, die auf permanenter Alarmbereitschaft und psychologischer Druckausübung beruht, ist keine wirkliche Stabilität, sondern ein Zustand fortwährender Anspannung. Dieses System funktioniert nur, wenn alle Beteiligten rational handeln, alle technischen Systeme zuverlässig bleiben und keine Fehleinschätzungen auftreten – Annahmen, die angesichts der globalen Lage ausgesprochen wackelig erscheinen. Die Geschichte kennt zahlreiche Situationen, in denen Missverständnisse, Fehlalarme oder individuelle Fehlentscheidungen beinahe zur Katastrophe geführt hätten. Dass es nie dazu kam, verdankt die Welt weniger der Weisheit von Regierungen als dem Zufall, dem Glück und dem Mut einzelner Akteure, die im richtigen Moment Zweifel zuließen.
Deutschland nimmt in dieser Situation eine widersprüchliche Rolle ein. Es präsentierte sich jahrzehntelang als Land, das diplomatische Konfliktlösung und zivile Friedenspolitik hochhält, beteiligt sich jedoch gleichzeitig durch die nukleare Teilhabe unmittelbar an der atomaren Logik. Die Tatsache, dass im Ernstfall deutsche Zustimmung ein Element eines nuklearen Einsatzes wäre, findet in der deutschen Politik kaum Erwähnung. Statt eine offene Debatte über die sicherheitspolitischen Möglichkeiten und Risiken zu führen, folgt die Bundesregierung weitgehend der Annahme, Abschreckung sei alternativlos. Dadurch wird die Frage, wie Deutschland in einem nuklearen Krisenszenario handeln würde und welche moralische und politische Verantwortung damit verbunden wäre, aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.
Dabei existieren realistische Alternativen. Abrüstung ist kein idealistischer Traum, sondern ein historisch belegbares politisches Instrument. Zahlreiche internationale Verträge haben bereits gezeigt, dass transparente, überprüfbare Reduktionen von Arsenalen möglich sind. Regionale Abrüstungszonen haben bewiesen, dass selbst Staaten mit tiefen historischen Konflikten in der Lage sind, sich auf Regeln gemeinsamer Sicherheit zu einigen. Auch der Atomwaffenverbotsvertrag entfaltet trotz des Widerstands vieler Nuklearmächte bereits normative Wirkung, indem er den Besitz und Einsatz von Atomwaffen völkerrechtlich delegitimiert. Abrüstung ist also kein Zeichen politischer Schwäche, sondern Ausdruck strategischer Vernunft.
Gerade jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, diesen Weg ernsthaft ins Auge zu fassen. Die technologischen Sprünge der vergangenen Jahre haben das Risiko unkontrollierter Eskalation massiv erhöht. Hyperschallwaffen, KI-gestützte Warnsysteme und immer komplexere Entscheidungsketten führen dazu, dass die Welt in einer Geschwindigkeit in eine nukleare Krise geraten könnte, für die es keine historischen Vergleichswerte gibt. In einer solchen Lage ist es fahrlässig, auf ein System zu vertrauen, das nur funktioniert, wenn alle Fehler ausgeschlossen werden können. Sie können es nicht.
Deshalb braucht Deutschland eine Rückkehr zu einer sicherheitspolitischen Kultur, die Risiken nicht verdrängt und Gefahren nicht hinter ritualisierten Bekenntnissen versteckt. Eine verantwortliche Politik muss den Mut haben, unbequeme Fragen zu stellen und Alternativen ernsthaft zu prüfen. Abrüstung ist kein moralisches Luxusprojekt und keine politisch naive Forderung. Sie ist eine rational begründete Antwort auf ein globales Risiko, das im Ernstfall jeden Menschen betrifft.
Solange Atomwaffen existieren, bleibt ihr Einsatz eine reale Möglichkeit. Das ist die unbequeme Wahrheit, die heute zu selten ausgesprochen wird. Es ist Zeit, sie wieder ins Zentrum der politischen Debatte zu rücken.
Julia Engels
Julia Engels (Jahrgang 1994) ist Politikwissenschaftlerin und Doktorandin mit Schwerpunkt Nuklearpolitik, Abschreckungstheorie und internationale Sicherheit. Sie publiziert regelmäßig zur internationalen Ordnungspolitik, u.a. in der Frankfurter Rundschau, taz und Deutschlandfunk Kultur.

