Weihnachten im Kriegsjahr 1943
(Gfrill bei Salurn)
Am Vorabend des Weihnachtstages sind wir Kinder auf den Madrutter Berg, um die Schafe zu suchen. Sie waren aus dem kalten und vereisten Tal hinauf, um frisches Gras zu suchen. Plötzlich hörten wir über uns in der Luft einen großen Krach, dann haben wir mehrere Flieger gesehen, die in tiefem Flug über uns vorbei flogen. Wir haben uns flach auf den Boden geworfen und haben gebetet. Dann sind viele dünne Streifen glänzendes Papier (wie Stanniolpapier) über uns gefallen. Wir haben uns gefreut und diese Streifen gesammelt. Zu Hause haben wir damit den Christbaum geschmückt. Wir hatten keine Ahnung, warum die Flugzeuge diese silbernen Bänder abgeworfen hatten. Am Tag danach kam aus Salurn die Jöchlerin; sie betreute die Optantenfamilien, in denen kleine Kinder waren. Sie wollte nachsehen, wie es meinem jüngsten Bruder ging, der wenige Monate zuvor in einem Luftschutzkeller in Bozen zur Welt gekommen war. Mit großer Freude habe ich ihr den geschmückten Christbaum gezeigt. Sie hat geschrieen und geschimpft; wir sollten alles sofort entfernen und in die Erde graben, weil die silbernen Streifen vom Feinde kamen. Das Warum habe ich erst später verstanden. Dadurch sollte die Flugabwehr (Flak) in Buchholz gestört werden. Wir wollten unseren Eltern eine Freude machen, aber Vater hat uns ermahnt, dies nicht mehr zu tun. „Klaubt keine Dinge vom Boden auf, die ihr nicht kennt!“ Von den Fliegern aus wurden auch Waffen abgeworfen und einige Kinder sind durch gefundene Waffen und Handgranaten getötet worden. Am Weihnachtstag bekamen wir auch Besuch von der Gretl vom Paradeis; sie klopfte, öffnete die Tür, warf einige Holzknospen in die Küche und schrie: „ Heil Hitler – Frohe Weihnachten“ und weg war sie, auf und davon. Meine Mutter rief ihr noch ein „Danke“ und „Vergeltsgott“ nach; aber Gretl drehte sich nicht mehr um. Wir waren ihr zu minder; sie hatte die Aufgabe, Geschenkspakete an die armen Leute zu verteilen, aber viele dieser Geschenke wurden ungerecht verteilt. Ich kann nicht vergessen, dass sie meine Mutter anzeigen wollte, weil diese ihr gesagt hat, sie solle lieber das Muttergottesbild über ihr Bett hängen, als das Foto des Führers.
(Erinnerungen von Rosa Zanol – damals 12 jährig – heute 95; ihr Kommentar heute: “Krieg ist das Schlimmste was es auf der Welt gibt, und ich möchte nicht, dass meine Enkel und Urenkel jemals einen solchen erleben”)


