Frieden – was bedeutet das?

Nach vielen Jahrzehnten der Abwesenheit kriegerischer Konflikte in unserer Weltregion ist das Thema zurück in Europa und dominiert die politischen Diskurse. Dabei wird das Ziel der „Kriegstüchtigkeit“ als gesellschaftliche Priorität gesetzt und dies auch mit notwendigen Einschnitten insbesondere von Sozialausgaben argumentiert.

Erinnern wir uns, was wir seit den 1970er Jahren unter Frieden verstehen. Frieden ist im Sinne von Johan Galtung, dem schwedischen Friedensforscher, Nobelpreisträger und Gründer des Schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI mehr als die Abwesenheit von Krieg, als organisierter, mit Waffen gewaltsam ausgetragener Konflikt zwischen Staaten oder Staatengruppen oder sozialen Gruppen innerhalb von Staaten.

Frieden ist nach Galtungs Verständnis mehr als Nicht-Krieg und umfasst weit mehr als die Abwesenheit bewaffneter Konflikte.

Die Friedensforschung unterscheidet zwischen einem negativen und einem positiven Friedensbegriff. Unter Ersterem versteht sie die Abwesenheit kriegerischer Gewalt, die Johan Galtung, als direkte Gewalt bezeichnet. Der positiv bestimmte Friedensbegriff aber ist komplexer. Er meint eine umfassende und dauerhafte Rechtsordnung und Lebensform, bei der das Wohl der Bürger und Bürgerinnen und der Schutz der Lebensgrundlagen oberste Ziele sind. Damit ist Frieden nicht ein Zustand, sondern ein gesellschaftliches Ziel und ein Prozess.

Mit dieser Definition richtet Galtung sein Augenmerk auf Formen der strukturellen Gewalt, deren Wurzeln in politischen, ökonomischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Verhältnissen liegen, und die, im Gegensatz zu der offenen personalen Gewalt von Krieg und Terror, indirekt wirkt. Nach Galtung können strukturelle Verhältnisse dann als gewalthaft gelten, wenn sie vom Stand der gesellschaftlichen Entwicklung, etwa in einem reichen Land, als vermeidbar einzustufen sind, wenn also wider besseres Wissen keine Vorkehrungen getroffen werden, um den Erhalt der Lebensgrundlagen zu gewährleisten, oder wenn ausbeuterische Arbeitsbedingungen zugunsten ökonomischer Effektivität zugelassen werden.

Strukturelle Gewalt herrscht überall dort, wo man Menschen infolge von ungleich verteilten Macht- und Herrschaftsverhältnissen politische und soziale Gerechtigkeit vorenthält oder verweigert, bis dahin, sie zu marginalisieren, zu unterdrücken, zu entrechten und auszubeuten.

Eine derart erweiterte Sicht auf Gewalt führt zu einem erweiterten Friedenskonzept: Positiver Frieden bedeutet danach die Herstellung von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit sowie von politischer und persönlicher Freiheit Einzelner und sozialer Gruppen, ihre Partizipation und Entfaltung eingeschlossen.

Von Frieden zu reden, erscheint fast sinnlos, wenn das Leben auf der Erde zerstört wird, sei es durch Raubbau an der Natur, sei es durch den Hungertod von Millionen von Menschen. Seit Erfindung der Atombombe könnte ein globaler Krieg außerdem das Ende des gesamten Lebendigen bedeuten.

So wird der Frieden heute zur Grundbedingung des Lebens und Überlebens. Ihn zu gestalten, bedeutet Weltfrieden zu gestalten. Die erschreckende Vielzahl aktueller Kriege sind Ressourcenkriege, militärische Auseinandersetzungen um den Zugang zu und die Verteilung von Boden, seltenen Erden oder Wasser. Es geht um Überlebenssicherung einerseits und die Neugestaltung geopolitischer Machtverhältnisse andererseits. Friedensentwürfe sprechen sich deshalb für die Vermeidung von Gewalt ebenso aus, wie sie für Menschenrechte eintreten und dafür, politische, ökonomische und soziale Gerechtigkeit zu fördern, was auch die Bewahrung der Natur als eine (über)lebenswichtige Ressource bedeutet.

Susanne Elsen

(Beitrag in “Südtiroler in der Welt” Februar/März 2026)

Deine Meinung!

Schreibe uns deine Meinung und Gedanken.
Deine Meinung »

Über den Friedensblog

Die Ideengeber hinter dem Friedensblog sind: Sepp Kusstatscher - Arno Teutsch - Susanne Elsen - Erwin Demichiel - Johannes Fragner-Unterpertinger
Über uns »

Kategorien