Uns in den Frieden hineinerzählen.
Am Montag, 13. April 2026 traf es mich, das wöchentliche Treffen unserer kleinen Friedensinitiative in der St. Erhards Kirche in Brixen zu leiten. Der Titel war „Vom Frieden erzählen.“ Ich ließ mich vom bereits mehrmals gelinkten Video von Ulrike Guerot inspirieren, https://www.youtube.com/watch?v=wWsEXm_GDWY.
Wir kennen das: Wenn in unseren Gesprächsrunden die Wirren unserer Zeit zu Wort kommen, zieht uns eine Spirale in Richtung Abgrund, linear, voraussehbar, es geht darum, recht zu haben, es geht um die bessere Idee, um Positionen, um die richtige Seite. Wir erzählen uns in den Krieg hinein und schaffen damit Wirklichkeiten nach innen und nach außen. Bert Brecht:
An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
Die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.
Können wir uns auch in den Frieden hinein erzählen? Italo Calvino, Le citta` invisibili:
Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, dass man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.
Mit „uns in den Frieden hinein erzählen“ ist wohl diese zweite Art gemeint. Beide Arten zeigen ihre Wirkung und diese stärkt und nährt entweder das Feld des Krieges oder das Feld des Friedens. Unsere Verantwortung demgegenüber sollten wir ernst nehmen.
Zwischen 1993 und 2007 war ich mehrmals am Balkan der ethnischen Säuberungen und habe nach Spuren dieser zweiten Art in der Hölle zu sein gesucht und war fündig geworden. Am Montag habe ich davon erzählt: Von Menschen, die wie Rosa Parks das taten, was der Augenblick erforderte: unvorhersehbar, paradox, verletzlich und verunsichernd, offen, risiko- und lernbereit.
Zum Abschluss haben wir noch das Gebet aus dem Frauen KZ Rabensbrück in unseren Kreis genommen.
Friede den Menschen, die bösen Willens sind, und ein Ende aller Rache und allen Redens über Strafe und Züchtigung. Die Grausamkeiten spotten allem je Dagewesenen, sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens, und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott, wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen deiner Gerechtigkeit‚ fordre nicht grausame Abrechnung, sondern schlage sie anders zu Buche:
Lass sie zugutekommen allen Henkern, Verrätern und Spionen und allen schlechten Menschen, und vergib ihnen um des Mutes und der Seelenkraft der andern willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse. Und in der Erinnerung unserer Feinde sollten wir nicht als Opfer weiterleben, nicht als ihr Alptraum und grässliche Gespenster, vielmehr ihnen zu Hilfe kommen, damit sie abstehen von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert, und dass wir, wenn alles vorbei sein wird, leben dürfen als Menschen unter Menschen, und dass wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde den Menschen, die guten Willens sind, und dass dieser Friede auch zu den anderen komme. (Quelle: Magnificat. Die heilige Woche 2018, Butzon & Bercker, Kevelaer)


